Sempé:
Mit vorzüglicher Hochachtung

Aus dem Französischen von Patrick Süskind

Zürich: Diogenes 2008

www.diogenes.ch

ISBN 3-257-02095-3
104 Seiten * 34,90 € * ab 14 Jahre

 

 

 

 

Sempé ist nachhaltig. Jedes Bild des großformatigen Buchs ist gefüllt mit kleinen Strichen, aus denen Menschen entstehen, hundertfach vermehrte Objekte, Hüte, Häuser, Efeu, Theatersitze, Straßenszenen. Oft wird erst durch den Text die kleine Insel entdeckt, die den Kern und den Witz des Bildes bildet. Wunderbar.

Auf den zweiten Blick

Sempé ist nachhaltig – und sozusagen das Gegenteil diverser „Comedy“-Menschen wie Mario Barth. Man kann nicht beide Arten von „Humor“ zugleich mögen. Wird dort platt und vordergründig gearbeitet, Schlüsselwörter zum lauten Lachen benutzt, so wird hier der Witz sogar noch versteckt. Wird dort auf den Schenkel geklopft, so wird hier gelächelt, möglichst nach innen.

 

Nur zweimal entwickelt sich die Geschichte in mehreren Bildern, normalerweise reicht eins aus. Einige sind unmittelbar ohne Vorwissen verständlich, andere erwarten, dass sich der Betrachter ein wenig auskennt, in der griechischen Mythologie oder in der Genealogie oder in der Abseitsregel beim Fußball. Wunderbar, wie die drei Frauen im Park sitzen und eine von ihnen den anderen eben diese Regel mit Hilfe von Steinchen erklärt, die sie mit einem Stock bewegt. Die anderen beiden strotzen vor Desinteresse, eine ist offensichtlich sogar eingeschlafen. Oder die Vermittlung einer Botschaft: Tausende demonstrieren mit großen Spruchbändern (deren Text wir nicht sehen) auf der Straße, einer davon wirft bei dieser Gelegenheit einen Brief in den Postkasten. Wäre da nicht diese Insel der Leere und außerdem Farbe (der Briefkasten ist gelb), man würde den Mann nicht weiter beachten.

Einfacher und direkter ist die Putzfrau, die im leeren Theater auf der Bühne steht und diesen Moment nutzt, um ein Kunststück vorzuführen: Sie balanciert den Besen auf einem Finger. Süß.

 

Ein Malstil, der auch unser Bild vom „kleinen Nick“ geprägt hat, transportiert diesen feinen Humor, ohne den die Welt nur laut und lärmig wäre. Vielen Dank auch für diese Stille, Herr Jean-Jacques Sempé.

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en