Barbara Hazen & Tomi Ungerer:
Der Zauberlehrling

Nach J. W. Goethe; aus dem Amerikanischen übertragen von Hans Manz

Zürich: Diogenes 2008

www.diogenes.ch

ISBN 978-3-257-00538-9
44 Seiten * 16,90 € * ab 04 Jahre

 

 

 

 

Kaum ist der Meister fort, glaubt der Lehrling, selbst Meister spielen zu können. Hier bringt der Lehrling den Besen dazu, seine Arbeit zu erledigen und das Wasser vom Rhein die Treppen hoch zu tragen und in die Wanne zu füllen. Die Meister, die er rief, kann er aber nicht mehr bändigen, und unwiderstehlich füllt sich das ganze Schloss mit Wasser. Bis der Meister wiederkommt.

Vom Himmel gefallen

Ein Labyrinth aus Treppen wie aus einem Bild von Escher erwartet uns auf der Innenseite des Buchdeckels, in typischer Ungerer-Manier mit Details verfremdet. Da bleiben so viele Rätsel in uns, dass wir kaum umblättern mögen. Der Schmutztitel setzt noch einmal eins drauf, denn merkwürdige Wesen aus anderer Welt zeigen uns Titel, Autoren und Verlag. Goethe wird hier nicht erwähnt.

Obwohl die Geschichte (das Original stammt aus den USA und ist bereits 1969 verlegt worden) aus der Fremde zurück übersetzt wurde, ist der Ort der Handlung doch bereits ein Schloss am Rhein, über dem es fast hoch am Himmel thronte. Im Inneren führten viele Stufen in den Keller, wo das Allerheiligste des Zauberers in einem Kästchen verschlossen lag: „Gesammelte Zauberformeln und Beschwörungen“, bewacht von der blau-äugigen Eule. Das Labor war auf der anderen Seite des Kellers, und der Mittelpunkt eben dieses war eine Wasserwanne, die ununterbrochen mit frischem Rheinwasser gefüllt werden musste. Das war die Haupt-Aufgabe des Zauberlehrlings Humboldt, einem etwas einfachen Gemüt, nämlich das Wasser im Eimer hinauf tragen, Stufe um Stufe, Schritt für Schritt, und Humboldts Sehnen war eher das Faulenzen. Aber, wie sagt es der Meister? „Magie ist Macht, und Macht muss weise genutzt werden.“ Der Weg dahin hat also mühsam zu sein.

Das glaubte auch Goethes Zauberlehrling schon nicht, das glauben auch unsere Kinder nicht, das glaubten wir seinerzeit auch nicht. Humboldt kommt an das geheimnisvolle Buch, kann die Geister beschwören, der / die Besen holen Wasser im Eimer und wieder und wieder, bis alles unterzugehen droht. Die Geister, die er rief, kann er nicht bändigen.

 

Tomi Ungerer malt, zeichnet, wie wir es von ihm kennen. Immer neue Ideen nehmen Formen an im Zauberschloss. Eine Destille, ein Würstchen mittendrin, Erlenmeierkolben mit einem grünen Fuß und einer goldenen Glocke, ein Zahngebiss, Dreizack, Oktopus, Sonnenmodell. Dann wieder ein Anflug aus seinen Illustrationen des Liederbuchs: Jüngling mit Flöte, Vogel mit Wurm, Schiff auf dem Rhein und im Hintergrund steile Hügel mit Burg, Weinberge. Die Bilder nehmen erheblich mehr Platz ein als der Text, der relativ klein gedruckt ist für ein Bilderbuch. Da trifft es sich gut, dass die Bilder genug Einzelheiten bieten, dass die Kinder beim Vorlesen nicht unaufmerksam werden.

 

Eine wunderbare Umsetzung der Geschichte um den Lehrling, der meint, ein Meister zu sein, wenn dieser fort ist. Und eine gute Moral, dass es eben nicht so leicht ist, ein Meister zu sein, ohne zuvor einer zu werden.

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en