Franz Hohler & Jacky Gleich:
Mayas Handtäschchen

Düsseldorf: Sauerländer bei Patmos 2008

www.patmos.de

ISBN 978-3-7941-5201-8
48 Seiten * 16,00 € * ab 03 Jahre

 

 

 

 

Es gibt ihn also doch, den modernen Märchenerzähler, der aus einer „kaufmännischen Angestellten der Buchhaltungsabteilung bei einer Versicherungsgesellschaft“ eine Botin machen kann, die den jungen Sultansprinzen nach hundertjährigem Schlaf wachküssen darf. Wunderbar und voller Wunder geschrieben und adäquat gezeichnet.

1001 Tage

Die verwunschenen Schwestern hinter den fast blinden Spiegeln in den alten Handtaschen heißen Sumaya, Soraya und Raya, unsere Verwaltungsangestellte Maya. Da klingt schon etwas an, was sich später bewahrheiten sollte, vom Nachnamen Mayas einmal ganz zu schweigen (Hadbiakaprjanoschwilibaitalgarianz).

Doch der Reihe nach. Wir befinden uns in einer gar nicht besonderen Stadt mit gar nicht besonderen Menschen, die ein gar nicht besonderes Leben führen. So wie wir vielleicht. Ein wenig merkwürdig ist die kleine Sehnsucht von Maya für die orientalische Welt. Das beginnt mit dem Kochen und geht weiter über die Kleidung. Merkwürdigerweise spielen alte Handtaschen mit alten Spiegeln eine Rolle, denn auf der anderen Seite der Spiegel ist je eine Frau, die Maya hilft, leitet, führt. Die erste hilft beim Kochen, wobei sie auch dafür sorgt, dass es eine Ölbaumstraße gibt mit entsprechendem Laden. Die zweite wird durch die erste vermittelt, denn Kleidung nähen und Stoffe kaufen kann man am besten in der Seidengasse. Der Briefträger Hug, der Maya zwischenzeitlich einen Heiratsantrag macht, weiß natürlich, dass es diese Straßen gar nicht gibt, aber das stört Maya überhaupt nicht. Im Gegenteil: Sie lässt sich auf noch mehr Merkwürdigkeiten ein.

Zurecht! wissen wir am Ende der Geschichte, aber bis dahin sind noch einige Seiten zu bewältigen und einige Abenteuer dazu. Ihr Gelerntes hilft beim weiteren Vorkommen wie die drei (!) Schwestern, die am Ende entzaubert werden können. Dass Maya einmal mit derartigem Selbstbewusstsein ausgestattet sein könnte, hätte sie sich zu Beginn der Geschichte wohl auch nicht gedacht. Aber: Man entwickelt sich halt.

 

Das Buch ist textlastig. Mehrmals muss die Bildseite Raum für den Text abgeben. Geschwisterlich räumt dagegen der Text ein wenig Platz, damit das Bild diagonal zu Ende gezeichnet werden kann. Das fällt gar nicht so auf, weil die Grundfarbe jeder Seite auch die Nebenseite bestimmt und so eine Einheit zwischen Text und Bild ermöglicht.

Jacky Gleich nimmt im Wesentlichen die Geschichte auf und gibt sie auf ihre Art wieder, so dass auch wir mit geringerem Vorstellungsvermögen uns ein gutes Bild machen können. Diese „Art“ hat (inzwischen) einen großen Wiedererkennungswert. Die Personen sind oft isoliert, ein wenig eckig, fast karikaturhafte Gesichter mit zu großen Augen und Nasen. Hintergrundlinien gibt sie gern einen Schatten, der allerdings nicht lichtbedingt einseitig ist, so dass wir anstatt der dritten Dimension immer Flächen sehen. Sie nimmt damit den Bildern ein wenig Realität zugunsten von der Botschaft, sei es inhaltlich oder formal: Dies ist ein Bild, eine Illustration. Dies Bild gehört zu dem Text, den du gerade hörst oder den du selbst liest und gerade eben vom Text hoch schautest.

Die Aufgabe, die graue Szenerie einer deutschen Kleinstadt mit ihren grauen Menschen Stück um Stück aufzulösen für eine warmfarbige Welt des Orients, gelingt ihr sehr eindrucksvoll.

Hohler und Gleich zeigen uns ein graues Mäuschen, die zu einer sehr starken Frau wächst, weil sie an sich und ihre Träume glaubt. Quasi als Bestätigung ist das letzte Bild eine Rückschau auf die Menschen der Stadt: Der Briefträger hat die Freundin geheiratet. Welch ein Gegensatz zu den Orient-Bildern davor!

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en