Anike Hage nach Gudrun Pausewang:
Die Wolke

Ravensburg: Ravensburger 2008

www.ravensburger.de

ISBN 978-3-473-35294-4
176 Seiten * 16,95 € * ab 12 Jahre

 

 

 

 

Der Comic in Schwarz-Weiß im Manga-Stil erzählt die Geschichte eines Unfalls in einem Atomkraftwerk in Deutschland. Am Beispiel des Mädchens Janna wird die Flucht vor der verseuchten Wolke eine eindringliche Ermahnung über die Gefahr, die von dieser Energietechnik ausgeht. Die Darstellungsform gibt selbst Lesefaulen eine Informationsmöglichkeit.

GAU im AKW

1988, als Gudrun Pausewang „Die Wolke“ schrieb, wusste man offensichtlich, was ABC-Alarm ist. Wir haben das Jahr Zwei nach der Katastrophe von Tschernobyl. Janna ist die Hauptperson, an der ein Szenario aufgezeigt wird, wenn sich in Deutschland ein Super-GAU ereignet. Erst gelingt die Flucht wegen der Panik nur bedingt, dann wird ihr Bruder von einem Auto überfahren. Der verseuchte Regen kommt, Janna muss in ein Not-Krankenhaus. Niemand mag Kontakt haben zu den Verstrahlten, die zu Ausgestoßenen werden. „Hibakusha“ werden sie genannt, so wie die Überlebenden von Hiroshima, und sie sollen sich gefälligst unauffällig benehmen, ihre haarlosen Köpfe mit Mütze und Kapuze oder Perücke bedecken. Nach dem erlittenen Schaden werden sie nun auch noch Aussätzige. „Wir erzeugen [Anm.: mit unserer Anwesenheit] Schuldgefühle und hindern die anderen am Vergessen!“ sagt Elmar – kurz bevor er Selbstmord macht.

Die Geschichte beschönigt nichts. Jannas kleiner Bruder Uli stirbt vor ihren Augen, ihre Eltern sind tot. Die Gesellschaft ist gespalten, es gibt eine neue Armut, die der andere Teil nicht wahrhaben will. Auch Jannas Tante ist der erfolgreiche Schulbesuch und die Rücksichtnahme auf ihre Besucher wichtiger, als die Gemütslage von Janna, die mit dem Tod lebt.

 

Anike Hage nennt ihren Comic „Graphic Novel“, wohl auch, um die Form dem Inhalt anzupassen. Auch wenn sie „wroom, hust, stip, schluchz, wimmer“ schreibt, so sprechen doch die Bilder meist für sich. Die kurzen Texte in den Sprechblasen wären allerdings ausreichend gewesen. So, wie sie technisch Rückblenden, Träume, (Wahn-) Vorstellung durch dunkle Hintergründe, eckige Sprechblasen, Bildeinschübe usw. deutlich sichtbar macht, so treiben die Detailbilder die Handlung voran, erzeugen Spannung und ersetzen die typischen Comic-Töne. Das „wimmer“ sieht man im Gesicht des in dem geschwärzten Bild kaum erkennbaren Mädchens: ein heulendes Elend, tief im Bettbezug vergraben.

 

Die Illustratorin wurde ein Jahr nach dem Tschernobyl-Unfall geboren, da war Gudrun Pausewang fast 60 Jahre alt. Das Thema ist nicht abhängig vom Alter derjenigen, die sich damit beschäftigen. In der Tat sollte es uns alle angehen. Im Nachwort steht: „Jetzt werden wir nicht mehr sagen können, wir hätten von nichts gewusst.“ Das passt gut zum letzten Bild kurz davor: „Man könnt zwischen Sonnenblumen liegen und in die Wolken schauen ohne Angst.

Was wir nicht machen sollten, führen uns viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene im Buch selbst vor Augen, nämlich genau diese zu verschließen wie ein Vogel Strauß: Seh ich nicht. Gibt es nicht. Wird schon nicht so schlimm sein.

 

 

Anmerkungen zu zwei Abkürzungen:

ABC = atomarer, biologischer oder chemischer Unfall oder Angriff

GAU = Größter Anzunehmender Unfall („Super GAU“ ist die Steigerung davon)

 

Diese Rezension steht im Internet unter

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en