Shaun Tan:
Geschichten aus der Vorstadt des Universums

Aus dem Englischen von Eike Schönfeld

Hamburg: Carlsen 2008

www.carlsen.de

ISBN 978-3-551-58198-3
96 Seiten * 19,90 € * ab 08 Jahre

 

 

 

 

Kurze Geschichten über Ereignisse, die es so oder auch nur ähnlich wohl nicht in der Wirklichkeit gibt, die wir aber gern zulassen, denn grundsätzlich ist ja doch dies möglich oder auch das Gegenteil. Die Bilder liefern einerseits Hilfen zur Akzeptanz, andererseits fordern sie unsere Fantasie ebenfalls enorm heraus. Nicht für „jedermann“ geeignet, aber für die anderen sehr empfehlenswert.

Absurdistan ist überall

Plötzlich liegt auf dem Rasen vor dem Haus des zänkischen Ehepaars ein großer Fisch, und ihr kleiner Junge weiß Namen, Ordnung, Familie, Gattung und Art: „Das ist ein Dugong“, erklärt er den umstehenden neugierigen Nachbarn. Hilfsversuche, das Tier am Leben zu erhalten, enden im professionellen Abtransport. Auf dem Rasen bleibt er als Schatten aus gelbem Gras zurück. Ein wunderbares Bild, wie inmitten dieser Silhouette der kleine Junge in seinem Pyjama liegt und in den Sternenhimmel schaut!

Von dieser Art sind die Geschichten, vom riesigen Wasserbüffel, den man früher um Rat fragte, über die Hochzeitsriten damals, als sich Oma und Opa verheirateten bis zu den Stockgestalten und dem Ausflug ans Ende der Straßenkarte, zugleich wohl abruptes Ende der Welt wie wir sie von Blockbildern her kennen. Immer ist es die Nähe des wirklichen Lebens mit etwas Fiktivem, das latent in unserer Umgebung zu finden ist, wenn man so gar nicht danach sucht. Du möchtest ein eigenes Haustier haben? Folge den Anweisungen in zehn Schritten, und du wirst nicht mehr allein sein!

Wie geschrieben, so gezeichnet. Auf der Vorort-Straße wird in einem Meter Höhe ein Ruderboot bewegt, die kleine mitfliegende Wolke beregnet den Blumentopf am Heck. Der Mann mit dem Wasserschlauch, der seinen Rasen besprengt, scheint nur wenig irritiert zu sein. Wir dagegen über Eric mit seinem Laubblattkopf, der uns durch die Zeichnungen Dinge fragt, über die wir nicht nachdenken würden: Warum sieht das Abflusssieb aus wie eine Blüte? Was bedeuten die Zahlen auf dem Elektrostecker? Was ist unter der Briefmarke?

Shaun Tan nutzt verschiedene Techniken von Pastellkreiden über Bleistift zu Collagen und Gouache und schwarzen wie kolorierten Tintenzeichnungen, eng schraffiert und zum Teil sehr düster. Hier gelingt, dass Texter und Illustrator je – auch – etwas Anderes zu erzählen haben.

Als Motto des Buches könnte ein Satz aus dem Ausschnitt einer Tageszeitung (mit Artikeln voll versteckten Witzes) über dem Ganzen stehen: „Viel Intelligenz kann in Unwissenheit investiert werden, wenn der Bedarf an Illusion groß ist. Saul Bellow“ – wer immer Saul Bellow ist.

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en