Susanne Mutschler & Klaus Ensikat:
Ritter durften noch rülpsen

München: Deutsche Verlags-Anstalt bei Random House 2008

www.dva.de

ISBN 978-3-421-04309-2
240 Seiten * 19,95 € * ab 13 Jahre

 

 

 

 

Prima, famos, pyramidabel! Zu alten Zeiten ging man „eine Rose pflücken“, wenn man die „Toilette“ aufsuchte oder machte „eine Reise in die Niederlande“. Überhaupt umschrieb man alles, was sich unterhalb der Gürtellinie befand oder in einer der „Röhren“ des Menschen. Ein Benimm-Buch, sehr kurzweilig geschrieben, in verschiedenen Stilen und immer sehr interessant.

Etikette (Nord- und Südwinde)

Zwischen 1880 und dem Jahr 2000 wurden rund 900 Benimmbücher geschrieben. Offensichtlich gibt es genügend Interessenten für das Thema. Hier nun werden gar nicht so sehr heutige Regeln aufgeschrieben oder erklärt, als vielmehr die Quellen genannt, deren sich die Benimmbücher bedienen. Ein ganzes eigenes Kapitel beschäftigt sich mit den „Großen“ der Branche, angefangen von Erasmus von Rotterdam über Knigge und Ludwig XIV bis zu Erica Pappritz und Sybil Gräfin Schönfeldt. Ansonsten wird in neun Kapiteln plus einem dreiteiligen Anhang unter bestimmten Aspekten eher erzählt, das aber ausgesprochen interessant. Dazu trägt auch der Kniff bei, heutige Menschen per kurzer eMail ähnliche Probleme heute aufzureißen. Dabei gelingt es, diese drei Mädchen, den Jungen und die Großmutter sowie Onkel Johann sehr sympathisch darzustellen. Sympathieträger ist dabei der Charakter, der sich unter anderem darin zeigt, dass sich Benimm-Fragen dahinter verbergen.

Weitere Hilfsmittel der Auflockerung sind Infokästen, mitlaufende Kapitel-Texte, schmaler Blocksatz mit breitem Rand für Notizen (so waren früher Bücher oft gestaltet), unterschiedliche Farbe sowie die detailreichen kolorierten Zeichnungen von Klaus Ensikat. Er gibt den eMail-Schreibern je ein Gesicht und gestaltet auf je einer Doppelseite den Kapitel-Einstieg. Dazu kommen viele kleinere „Einwürfe“ im Text oder auf dem breiten Rand, rechteckig oder umfließend. Der Stil Ensikats ist wohl nicht kopierbar: Skurrile Typen, durchaus auch als historische Persönlichkeit erkennbar, karikaturhaft erhöht. Besonders aber sind seine engen schwarzen Striche, die sowohl Schatten als auch Struktur geben und bestimmt einige Anforderungen an die Druck-Qualität stellen.

Ein sehr lehrreiches Buch mit vielen Aspekten, angefangen mit dem Spucken über das Essen ohne und mit Geräten, der Tischordnung und den Geräuschen und Gerüchen dort und anderswo, dem Hut und der Kleidung („kurze Hose = kurze Kariere“) bis zum Nasenpopel (reines Eiweiß und völlig ungiftig) und dass Rülpsen (im Englischen auch „northwind“ genannt wird – man kann sich vorstellen, was „Südwinde“ sind) und dass die Römer einer gesellige Sitzung an öffentlichen Orten nicht abgeneigt waren. Dort konnt man schnell und unkompliziert das eine oder andere „Geschäft machen“.

 

Offensichtlich sehr gut recherchiert, lebendig und zugleich informativ geschrieben und die Quellen so genutzt, dass wir zugleich etwas für uns heute gewinnen können. Dazu kommen die hervorragenden witzigen wie informativen Bilder, dass das Gesamturteil nur heißen kann: Sehr empfehlenswert!

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en