Hannes Binder & Peter Stamm:
Heidi (nach Johanna Spyri)

Zürich: Nagel & Kimche 2008

ISBN 978-3-312-00982-4
40 Seiten * 16,90 € * ab 06 Jahre

 

 

 

 

Das Waisenkind aus den Bergen wird als Gespielin einer kranken Tochter nach Frankfurt „verpflanzt“. Ihr Unglück dort rührt den Vater. Heidi darf zurück und wieder glücklich sein – und Klara wird auch noch gesund. Anrührende Geschichte aus „der alten Zeit“ mit ganz besonderen Illustrationen.

Naturkind

Über den Inhalt muss wohl nichts weiter erzählt werden. Einige Absonderlichkeiten (Heidi sammelt Brötchen für „die“, d. h. Peters Großmutter / der Katzenwurf mit 11 Nachkommen dient der Erwähnung, ihr Verbleib ist unklar), die Beschränkung auf zwei Handlungsorte (12 zu 7 Textseiten für die Schweiz) und die fast gleichmäßige Verteilung von Text zu Bild sind vielleicht erwähnenswert.

Spyri schrieb 1880/81 in der Sprache, die man in der Schweiz sprach. Eine Nacherzählung in das heutige Deutsch war und ist notwendig. Seitdem die Rechte am Text erloschen sind, tummeln sich viele „Nacherzählungen“ auf dem Markt. Warum Peter Stamm derart dicht an diversen altertümlichen Wörtern bleibt und in heute sprachlich falscher Grammatik schreibt, wird nicht deutlich. Jedenfalls war und ist Heidi weder männlich noch sächlich (das (!) Heidi könnte höchstens noch als Verniedlichung durchgehen, das Maskulin passt nun aber gar nicht.). Sie “machte alles, was man ihm (!) sagte” ist einfach nicht richtig und stört. Schlimmer noch: “Heidi ... während es (!) las, war ihm (!) nämlich, als erlebe es alles ...”. Dieser Teil gilt nur für Heidi, für die Frankfurterin Klara gelten selbstverständlich die „richtigen“ grammatischen Formen, für den schweizerischen Geißenpeter ebenfalls.
So viel Kritisches für den Text.

Nun bekommt es auch noch die Illustration ab, denn leider stört die Darstellung der Heidi erheblich den Genuss dieser sehr speziellen und wieder-erkennbaren Bilder von Hannes Binder. Dies breitbeinig, fast stöckern gehende Mädchen mit dem dunklen Teint lässt Heidi fast negrid aussehen – ganz im Gegensatz zu den anderen Menschen, die sich auch sehr viel im Freien aufhalten. Das ist besonders schade, da die farbigen Illustrationen, die mit vielen schwarzen Strichen holzschnittartig daherkommen, mit ungewöhnlichen Perspektiven und Überschneidungen aufwarten können. Wunderbar, wie Binder drei schmale hochformatige Bilder nebeneinander setzt, ein zeitliche Brücke bildet und durch den Lichteinfall verstärkt. Ganz ungewöhnlich, wie er Innen und Außen über die geöffneten Fensterflügel verbindet oder aus einem hohen Haus mit abweisend geschlossenen Fenstern Berggipfel der Alpen mit strahlender Sonne wachsen lässt.
Umso unverständlicher, dass ausgerechnet das einzige Bild mit Schwächen der engen Linienführungen und der Farbgebung als Titelbild ausgewählt wird.

Der Argumentation „Die Heidi ist eben etwas ganz Besonderes. Deswegen nennen wir sie auch „das Heidi“ und ihre bildliche Darstellung ist bewusst anders als erwartet“ kann man vielleicht freundlich folgen. Dann ist diese Fassung der Heidi-Geschichte mindestens in den Bereich „empfehlenswert“ einzuordnen, das allerdings vor allem wegen der Bilder.

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en