Johann Wolfgang von Goethe & Dieter Wiesmüller:
Reineke Fuchs. In zwölf Gesängen

München: Hanser 2008

www.hanser.de

ISBN 978-3-446-23090-3
212 Seiten * 19,90 € * ab 16 Jahre

 

 

 

 

Nein, es ist kein Bilderbuch. Ja, es ist Klassik. Goethe, ja. Nein, es ist nicht für heutige Kinder, ja, die Zielgruppe des Buches bleibt ziemlich ungenau. Der Verlag scheint sich auch unsicher zu sein, er empfiehlt: „Für Jugendliche, Sammler und Goethe-Liebhaber“. Toll, dass der Hanser-Verlag das Wagnis in dieser Form eingeht. Dieter Wiesmüller als Illustrator mag helfen.

Hallodri

Da haben wir ihn, den klassischen Hexameter, in dem bereits Homer die Ilias und die Odyssee verfasste: - u u | - u u | - u u | - u u | - u u | - u (wobei – eine betonte und u eine unbetonte Silbe bezeichnet): deutsche Klassik also. Ob die heute, uns also, noch in irgendeiner Form angeht? Der Lesestoff im Deutsch-Unterricht des Nicht-Gymnasiums geht fast völlig dran vorbei, im Gymnasium muss geantwortet werden auf das, was jenseits des 18. Jahrhunderts – auch in Deutschland – sich an Literatur ansammelte. Daneben kommen Rechtschreibung und Grammatik, Stilbildung und Lyrik und so weiter.

Für heutige Schüler schwer zu lesen also, diese Geschichte von Bruder Leichtfuß, diesem Spötter und Intriganten. Anstatt klein beizugeben, treibt es der Fuchs in der Welt der Tiere auf die Spitze, verlässt sich darauf, dass ihm schon etwas einfallen wird, wenn es eng wird. Dabei verteilt er Hiebe nach links und rechts, macht die Boten Bär und Kater absolut lächerlich, vor allem aber Isegrim, den Wolf und seine Frau.

Das gelingt auf höchst köstlich zu lesende Art, weil es ihm gelingt, die Schwächen der einzelnen Tiere aufzuspüren und sie in listige Fallen einzubauen. Selbst als es ihm, Reineke Fuchs persönlich, wirklich und endgültig an den Kragen gehen soll, verzweifelt er nicht, sondern bedient sich der Gier des Königs, um wieder und wieder neue Chancen zu erhalten.

 

Die Geschichte um den listigen Fuchs ist von Goethe in Bezug auf höfisches Leben und Intrigieren geschrieben worden, aber wir finden ganz viele Gelegenheiten, diese und jene Szene auf heutige Situationen zu münzen. Dazu bedarf es allerdings einiger Fähigkeiten seitens des Lesers, die wir nicht unbedingt voraussetzen können – auch nicht bei Oberstufen-Schülern, die politisch nicht unbedingt sattelfest sind. Dann ist es mit der Ironie oder dem Spott so, als müsse ein Witze-Erzähler die Pointe erklären. Schrecklich.

 

Kommen wir zu den Bildern. Nur auf der Titelseite wir Farbe verwendet, ansonsten arbeitet Dieter Wiesmüller mit Bleistift auf gelblichem Papier. Wir sehen deutlich Personen mit menschlicher Kleidung und ebensolchen Händen, denen allerdings ein tierischer Kopf – gleichsam als Charaktereigenschaft – aufgesetzt wurde: Anzug, Krawatte, Weste, Ring, die Hand lässig in der Hosentasche. Das Auto ist britisch, Aston Martin, offen, die schmale Eiche im Hintergrund deutsch wie die Burg auf dem Berg im Hintergrund.

Die ca. 17 ganz- oder doppelseitigen Bildern (mit kleinen Textauszügen am unteren Rand, um die Zuordnung zu erleichtern) werden ergänzt durch kleine quadratische im Text, die je ein Detail zeigen: Gänse-, Schweine- oder Reiherkopf, Baum, Affe, Dachs und immer wieder Fuchs. Alle erzeugen beim Betrachter das Gefühl von alten Bleistiftzeichnungen, die durch Sonneneinfluss inzwischen leicht gelblich geworden sind.

 

Über die Zielgruppe ist bereits gesprochen worden, und zur Verlagsempfehlung ist nichts weiter zu sagen, außer, dass selbst Wikipedia dem Reineke eine eigene Seite gewidmet hat und diese Rezension bei AJuM.de in der Datenbank, im Julim-Journal.de und sogar – wegen der Bilder – im Wittmunder-Bilderbuchbaer.de erscheint.

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en