Armand Erchadi & Roman Hossein Khonsari:
Wir leben im Iran

Aus dem Französischen von Regina Enderle
Illustrationen von Sophie Duffet

München: Knesebeck 2008.

www.knesebeck-verlag.de

ISBN 978-3-89660-505-4
50 Seiten
11,95  €

Ab 07 Jahre

 

 

 

 

Die Religion, gleich welcher Façon, spielte und spielt noch immer eine große Rolle in dem Staat, der übersetzt „Land der Arier“ heißt. Das kling in unseren Ohren nicht gut, ist aber deutlich unser Problem. Am Beispiel von drei Kindern aus verschiedenen Gegenden und unterschiedlichen Gesellschaftsschichten erhalten wir eine Ahnung von einem Staat, der ziemlich anders ist als der unsere.

Persien - Iran

Vom Zoroastrismus der vor-islamischen Zeit bis zur Schia (Shiitische Glaubensrichtung i.G. zu den mehr verbreiteten Sunniten) heute ist ein langer Weg, immer geprägt von der Religion. Erst mit der Eroberung Persiens durch die Araber 642 (nChr natürlich) wurde die Schrift geändert. Gleich blieben dagegen Sprache und Grammatik – und die ist eng verwandt mit der unseren. Während wir jedoch (mit Hilfe der „Französischen Revolution“ 1789ff) mehr oder weniger säkularisiert wurden (Trennung von Staat und Kirche), fand in Persien vor gar nicht langer Zeit (1979) der umgekehrte Prozess statt – nicht unverschuldet durch den Westen, der wegen des Ölreichtums des Staates ungerechte Politsysteme stütze (der Schah Mohammed Reza Pahlawi putschte sich mit US-Unterstützung 1953 gegen den gewählten Ministerpräsidenten an die Macht).

All das erfahren wir, mehr oder weniger nebenbei, während wir vom Leben der Darya (Oberschichtenkind aus Teheran), des Reza (Aseri = „Türke“ aus Ost-Aserbaidschan, für den zwei Dinge wichtig sind: Schia und Fußball) und des Kourosh (der der vor-arabischen Staatsreligion der Soroastrier angehört, die sowohl die Juden inspirierte als auch die Nachfolge-Religionen Christentum und Islam) von heute berichtet wird. Gut ausgewählte Kinder aus ihrem Umfeld – und in Anbetracht des geringen Platzes des Buches sowie der Lesbarkeit für Kinder (und Jugendliche – aber auch Erwachsene erfahren viel Neues) Träger von möglichst vielen Informationen.

Auch wenn „erzählt“ wird, so liefert doch jeder Text-Absatz Neues. Andeutungen davon werden zu Beginn fett gedruckt, da kann das Auge bei der Nach-Lese eben drüber fliegen und finden, was gesucht wird. Viele Fotos sowie einige Zeichnungen gliedern nicht nur, sie lassen die (fiktiven) Kinder wirklich leben und liefern uns Einblicke in Kalligraphie und Symbolik: Die von oben nach unten dreifarbige Flagge bedeutet: Grün für den Islam, Weiß für den Zoroastrismus und Rot für die Märtyrer der Revolution. Der letzte Teil ist in Deutschland spätestens seit der Fragwürdigkeit des „Sterbens für das Vaterland“ aus unserem Gedankengut verschwunden. Nicht nur deswegen haben wir Schwierigkeiten, das Denken der Menschen im Iran mit- oder nachzuvollziehen.

 

Das Buch versucht uns möglichst vorurteilsfrei einen Einblick zu geben in diese fremde Welt, auch wenn wir sprachlich und geschichtlich ähnliche Quellen haben. Es spart allerdings nicht mit Urteilen und bezieht mehr als einmal Stellung für oder gegen bestimmte politische Entwicklungen. Das bezieht sich sowohl auf den Irak-Iran-Krieg (1980 – 1988), in welchem viele Kinder als „Märtyrer“ missbraucht und in die Minenfelder geschickt wurden, weil sie noch nicht so wertvoll waren wie ausgebildete Soldaten, als auch auf die Beurteilung des Regimes, das mal milder mal rigider regiert. Wer’s nicht weiß: Das letzte Wort hat nicht der Regierungschef und nicht der Präsident, sondern der „Rahbar“, der oberste Rechtsgelehrte, auf Lebenszeit ernannt. Es fehlt eine Betrachtung, wer Rahbar wird und wie (denn auch dort kann sich so etwas wie „Demokratie“ oder bestenfalls „Aristokratie“ zeigen).

 

Ein gutes und wichtiges Buch, das Teil einer Reihe ist: Kinder der Welt. Falls die anderen ebenso Wissen und Empfindungen ohne Zeigefinger vermitteln sollten, dann ist die gesamte Reihe sehr zu empfehlen. So erst einmal dieses Buch.

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en