Marjaleena Lembcke & Heike Ellermann:
Der Gänsegen
eral

Rostock: Hinstorff: 2008.

www.hinstorff.de

ISBN 978-3-356-01239-2
32 Seiten
13,90  €

Ab 03 Jahre

 

 

 

 

Ein Schlaganfall schafft Einsicht und ändert ein Leben. Der General kannte bisher nur Befehl, Gehorsam, Zerstörung und Aufbau. Vom Elend und Tod wusste er nur aus der Entfernung, denn er musste das Schlachtfeld nicht betreten, sondern von weit und oben beobachten, um Entscheidungen zu fällen. Wenn die Gruppe seiner Soldaten nach der Schlacht größer war als die der anderen, gab es anschließend einen Orden für ihn.

Befehlen verlernt man nicht

Marjaleena Lembcke erzählt schnörkellos und scheinbar wertfrei. Der General ist eben ein wichtiger Mann, der im Krieg dieses tut und im Frieden jenes. Seine Arbeit macht er wohl gut, denn er wird dafür belobigt, erhält Orden, ernährt seine Familie, wird geachtet, man hört auf ihn. Seine Familie und seine Freunde sind stolz, von den Politikern hört er nur Lob. Sehr geschickt, wie Lembcke die Situation fragwürdig macht: „…und wenn der General vor seinem Spiegelbild stand, war er sehr zufrieden mit sich selbst.“
Ein Schlaganfall ändert dann alles. Der General überlebt, aber er scheint ein anderer geworden zu sein. Seine Orden verteilt er an die Kanarienvögel wegen wunderschönen Gesangs und an die Hühner, weil sie brav Eier legen. Dazu schreibt er kleine Zettel, die er mit Hilfe seiner Tauben ins Land fliegen lässt: „Waffen sprechen nicht / Krieg ist Wahnsinn / Gab es je einen gerechten Krieg? / Wem nützt ...“

Das Leben auf dem Land ist ruhig und beschaulich, aber die Gänse, und das ist eine schöne, kleine Assoziation, marschieren auch ganz gern mal in Reih und Glied. Der General vorweg. Gefällt das seinen Enkeln?

 

Die Soldaten von Heike Ellermann sind typisiert, massenhaft gedruckt stehen sie in Reih und Glied oder stürzen aufeinander zu, fallen – Rot gegen Blau – von rechts und links auf das Feld zwischen ihnen, wo schon einige liegen, tot, verletzt, sich gerade noch aufrecht haltend. Dazu schemenhaft und außerhalb des Bildes der Schatten eines Generals in Rittmeisterhosen und großer Mütze sowie beeindruckender Ordensbrust. Ganz so, als sei der Krieg ein Spiel, auf das man nicht einmal mehr achten muss. Der Schatten des Generals zeigt, wie er in die andere Richtung schaut.

Die Bilder, Fotos, Collagen sind Assoziationen, die Teile des Textes aufgreifen, mischen, neu zusammensetzen. Aus einer Karte im Maßstab 1:50000 (NATO-Karte) an der Wand kommen die gedruckten Soldaten heraus auf das weiße Krankenbett des Generals beobachten sich, kämpfen aber nicht mehr, denn die Uniform hängt als Schatten auf dem Kleiderständer. Der Mensch liegt in einem Bett, kämpft mit dem Tod oder wenigstens mit der Oberherrschaft in seinem Kopf. Bald wird nach einer Wandschmiererei („Der General ist verrückt“) ein Bild von 15 umgeschlagenen Zeitungsfahnen, auf dem Buchrücken sozusagen, stehen: „Der General ist wahnsinnig geworden.“

 

Ein tolles und wichtiges Buch, das zeigt, dass sich Menschen wirklich ändern können, auch diejenigen, die offensichtlich den Boden unter den Füßen längst verloren hatten. Dass ein General sich danach unter anderem den Gänsen zuwendet, weil diese so schön in Formation laufen können – sei’s drum. Immerhin hat er kein Gewehr in der Hand, sondern spielt auf seinem Akkordeon.

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en