Brian Selznick:
Die Entdeckung des Hugo Cabret

Aus dem Amerikanischen von Uwe-Michael Gutzschhahn

München: cbj 2008.

www.cbj-verlag.de

ISBN 978-3-570-13300-2.
544 Seiten.
19,95  €

Ab 10 Jahre.

 

 

 

 

Ein Bilderbuch mit über 500 Seiten? Ja, und ein in mehrfacher Hinsicht wunderbares dazu. Erzählt wird in zwei Kapiteln und auf zwei Ebenen. Nach relativ kurzen Textteilen übernehmen viele ganzseitige Bilder den Erzählfluss. Es ist die Geschichte eines vielleicht 10-jährigen Jungen und es ist die Geschichte von Georges Méliès, dem Filmpionier.

Zauber und Fantasie

Wir befinden uns in einem der großen Bahnhöfe in Paris. Es ist das Jahr 1931, gerade erst wurde der Stumm- durch den Tonfilm abgelöst. Was diese Bemerkung hier soll, wird allerdings erst im zweiten großen Kapitel deutlich. Zunächst leben wir mit dem Waisenjungen Hugo Cabret, dessen Onkel für die Wartung der Uhren im Bahnhof angestellt ist. Leider ist er verschwunden, der Junge übernimmt die Aufgaben, ist er doch mit dem Uhrmacherhandwerk aufgewachsen. Sein Essen und Trinken stiehlt er sich zusammen und noch etwas – mechanisches Blechspielzeug. Die Einzelteile benötigt und verwendet er zur Restaurierung einer geheimnisvollen Figur in Menschengestalt.

Der Personenkreis wird neben dem alten Spielzeugverkäufer erweitert durch dessen Nichte Isabelle sowie Etienne, einem Studenten der Filmakademie, der die Kinder ab und zu in das Kino schmuggelt. Mehr und mehr gewinnt das Thema „Kino“ an Raum, immer gepaart mit der Umsetzung von Fantasie und Träumen. Die ersten Filmemacher waren zunächst Zauberer, Illusionisten, und der größte unter ihnen war ein gewisser Georges Méliès, den es nun in der Tat tatsächlich gab (http://de.wikipedia.org/wiki/Stummfilm: „Der französische Illusionist und Theaterbesitzer Georges Méliès ist jedoch der erste, der das narrative Potential des jungen Mediums erkennt und ausschließlich inszenierte Filme dreht. Für die Umsetzung seiner weitgehend phantastischen Stoffe und Szenen entwickelt Méliès bereits Filmtricks...“

So findet auch über den Namen des Autors und Illustrators Brian Selznick (geb. 1966) der Film Eingang in das Buch, ist er doch ein Cousin von David O. Selznick (u.a. „Gone with the wind“), der wiederum Sohn von Lewis J. Selznick, einem Stummfilm-Regisseur war. Dies Buch, schreibt er auf seiner Internetseite, ist sein erstes in dieser Größenordnung.

Und in der Tat gibt es wohl nur ein weiteres, das die Kraft der Bilder nutzt, um eine Geschichte mit anderem Medium weiter zu erzählen. Nahtlos schließt sich ein mittig und zentriert gesetzter kurzer Text den sechs illustrierten Doppelseiten an, ja der gesamte Einstieg beginnt mit 21 Doppelseiten. Wie in einem Film zoomen sich Bilder vom Mond nach Paris und in den Bahnhof bis zur Großaufnahme eines Auges. Gezeichnet wird mit Bleistift oder Kohle, Schraffuren bilden Schatten und füllen Flächen. Eine düstere Stimmung entsteht nicht zuletzt durch die durchgängig schwarze Umrandung jeder Doppelseite, auch der Text spricht von Geheimnissen und der Angst vor dem Stationsvorsteher und seiner Zelle.

Ein „dickes“ Buch, das sich ob seiner Technik und seiner Spannung innerhalb kürzester Zeit durchlesen lässt. Am Ende versteht man auch, warum ein gewisser Professor H. Alcofrisbas

die kurze Einführung geben darf: „Enchanteur Alcofrisbas“ ist der Titel eines Kurzfilms von 1903 (Regie Georges Méliès), den allerdings der Autor in seinem Anhang gar nicht erwähnt. Dort wird allerdings auf andere interessante Details hingewiesen (auch wenn die Seitenzahlen um 10 verrutscht sind).

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en