Bill Grossman, Dorota Wünsch & Ebi Naumann:
Mariechen fraß ’nen Hasen auf

Aus dem Englischen von Ebi Naumann

Wuppertal: Peter Hammer 2008.

www.peter-hammer-verlag.de

ISBN 978-3-7795-0175-6.
24 Seiten.
12,90  €

Ab 04 Jahre

LesePeter April 2008

 

 

 

Frecher wurden die Zahlen von Eins bis Zehn wohl nie zuvor in ein Kinderbuch verpackt. Der wiederkehrende Teil heißt: „Jetzt wird sie kotzen, dachten wir. / Tat sie aber nicht.“ Sehr lakonisch, sehr wenig Knigge. Für so ein Wort haben wir ganz früher schon mal eins „hinter die Löffel“ bekommen. Nützt ja aber nichts, wenn Mariechen doch wohl nur eins kann.

sich übergeben, brechen, kotzen

Kaum ist das Kind im Kindergarten, schon bringt es „schlimme Wörter“ mit nach Haus. Das Sch...-Wort ist das erste, aber auch diverse andere sowie schlimme Verbindungen geben Anlass für häusliche Auseinandersetzungen. Die Aufzählung all dieser überlassen wir dem Senator von Wisconsin, das Wort KOTZEN wollen wir hier einmal einfach akzeptieren. Allein, weil es zu den schlimmen gehört, aber in diesem Buch immer und immer wieder zitiert wird und letztlich zu einer Art von Katharsis führt.

Um mit dem Anfang zu beginnen. Freche gereimte Texte auf Englisch aus Amerika. Dann – vielleicht – gleichzeitig die ziemlich schwierigen Übersetzungen (es handelt sich nicht nur wegen der Reime um Lyrik) sowie die Verbildlichung. Beide haben es in sich.

Der Text folgt der Wiederholungen von „Old McDonald had a farm“, wiederholt also stets, was alles bisher erfolgte. Dabei werden Wiederholungen zunächst vermieden, neue Wendungen gefunden, um dann jeweils deutlich zu enden: „Jetzt [die Pausen beim Vorlesen sollten immer länger werden] wird sie kotzen, dachten wir.“ Und die nächste Pause dient dem Versammeln der Zuhörer, denn sie müssen unbedingt mitsprechen: „Tat sie aber nicht.“ – fast so wie Grönemeyer bei den Fantastischen Vier singt: „Es könnt’ alles so einfach sein – isses a-ber nicht!“

Genau so frech malt Frau Wünsch. Ihre Lieblingsfigur ist auf alle Fälle eins: FRECH. So hat sie schon ihre Großmutter gezeichnet (Ein Apfel für den lieben Gott, Peter-Hammer-Verlag 2004), jetzt also ein Mädchen mit verqueren Fußzehen, einem riesigen breiten Mund mit ebensolchen Zähnen, einer Brille mit extrem kleinen runden Okularen, einer zu großen Hose mit Hosenträgern und einem Oberkörper, der der Zielgruppe angemessen ist. Also: Sie verspeist – warum auch immer – einen (!) Hasen. Danach zwei (!) Schlangen. Es folgen 3 Ameisen, 4 Piratten (ein schönes Wortspiel), 5 Fledermäuschen und so weiter. Immer scheint ihr Appetit nicht gesättigt: Mehr und immer noch eins mehr verschlingt sie und nie scheint sie Schaden zu nehmen und nie scheint sie gesättigt zu sein.


Erst als Mariechen „Gesundes“ zu sich nimmt, nämlich zehn grüne klein Erbsen, da gelingt die Vorhersage, und zwar diesmal allumfassend: Alles muss wieder raus! Denn was Mariechen wohl wirklich einzigartig kann, ist: KOTZEN. Aber nur dann, wenn es ihr in den Kram passt.

Wie also möchten wir sein? Lieb und artig? Oder vielleicht doch eher – wenigstens für eine Weile – ein bisschen FRECH?

Wunderbar die Tierfolge, erfolgreich das Défilée am Schluss. Ganz vielfältig die Gespräche oder hingeworfenen Einverständnisse in den nächsten vierzehn Tagen. Köstlich für die, die sich neben dem Alltag einige Momente des Verzaubertseins gönnen. Das sind wohl mehr als gemeinhin gedacht.

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en