Phillippe Lechermeier & Rébecca Dautremer:
Prinzessinnen

Aus dem Französischen von Antoinette Gittinger

München: cbj 2008.

www.cbj-verlag.de

ISBN 978-3-570-13354-5
94 Seiten
19,95  €

Ab 06 Jahre

 

 

 

 

Alles erstunken und erlogen. Bestimmt. Gibt es überhaupt Prinzessinnen oder ist alles nur eine große Show? Man ist sich nicht so sicher nach diesem Buch, denn dort werden so viele Einzelheiten genannt und auch gezeichnet, dass eine totale Leugnung wohl doch nicht in Betracht kommt. Oder doch?

Quelle der Prinzessinnen

Diese Anzahl an Beispielen erschlägt jede Leugnung. Prinzessin Amnesie, ja, die leugnet vielleicht sogar sich selbst, vergisst, was sie vergessen hat oder lässt ihre Ideen in ihrem eigenen Kopf „Vergessen“ spielen.
Ein großer Teich an Ideen entsteht mit dem Buch, wo jede Überschrift ein guter Zwei- oder Dreiteiler in einem Poesiealbum sein kann: „Die Nacht ist wie ein Schacht, an dessen Grund man sich verbergen kann.“ oder „Worte gehen auf Reisen, und wenn sie zurückkehren, versteht man sie nicht mehr.“ oder „Singen bedeutet, Worte mit Farbe zu erfüllen.“

Auch wenn nur Philippe Lechermeier für den Text (und Rébecca Dautremer für die Bilder) verantwortlich zeichnet, so gibt der Übersetzungstext einen großen Teil des Flairs, spielt er doch mit internen Reimen, die fast zufällig daher kommen, gar nicht am Ende positioniert, sondern so, wie es ihr (Antoinette Gittinger) gerade so einfiel („Die Prinzessin vom See sieht man / selten ganz klar, nur am 1. April wird / das Wunder dann wahr ...“). Es wird schnell klar, dass der Text erst im Zusammenspiel der Ideen von mehreren Personen zu dem wird, den wir auf verschiedenen Ebenen wahrnehmen und zu schätzen wissen. Er unterscheidet sich farblich, in der Größe seiner Schrift, in der Strukturierung, die so manchem Sachbuch folgt, zum Teil in Kapitälchen gesetzt. Dann erst folgt sein Inhalt, der ganz natürlich mit der Form einhergeht.
Der Inhalt der Wörter überrascht ein ums andere Mal ob des Ideenreichtums, der sich mit Hilfe der Zeichnungen, Skizzen, Entwürfen in immer neue und andere Gegenden der Wörterwelt wagt. Umgekehrt antworten aber auch die Bilder auf die Textteile, die doch fast die Hälfte des Platzes beanspruchen.

 Man spürt bestimmt die Begeisterung des Lesers, der bisher vergeblich versucht, eine deutliche Struktur in das wunderbare Chaos des Buchs zu bringen. Zum Ende versuchen es die Buchmacher sogar selbst, indem sie so etwas wie ein Inhaltsverzeichnis notieren, mit deutlichen Überschriften (Einleitung * internationales Fächeralphabet * Wappen und/oder Banner * Landkarte * Paläste und Wohnungen * sowie Praktischer Führer und Endbetrachtungen), aber ist man danach schlauer? Natürlich nicht. Darum dreht es sich ja auch nicht, denn schlauer werden wir durch Sachbücher.
Ach, ist dies Buch über Prinzessinnen gar kein Sachbuch? Was denn dann?

 Vielleicht helfen die Bilder. Fast alle Hintergründe sind „strukturiert“, weisen Kleckse auf und Linien, Flecken, Schatten, Verwischungen. Darüber dann sind die eigentlichen Bilder gesetzt, zumeist junge weibliche Wesen, Prinzessinnen verschiedener Art und Herkunft und Charakter. Die Prinzessin der Nacht muss einfach anders ausschauen als die Prinzessin Ohnegesicht (auf der gleichen Seite beschrieben) oder die Prinzessin Wüstenkind oder die Prinzessin Ephemoptera von China. Dennoch kann man bei allen Prinzessinnen, so unterschiedlich sie sonst auch sein mögen, einige Eigenschaften feststellen, die sie alle auszeichnen: Arme und Beine, der Unterkörper wie die Hände sind extrem lang, schmal, staksig, vermögen den Körper fast nicht zu tragen oder zu stützen. Der Kopf ist (zu) groß, die Augen sind (zu) groß, oft unter schweren Lidern halb verborgen, der Mund halb geöffnet. Das ist Babyschema und ruft unseren Beschützerinstinkt hervor, mögen die Accessoires auch noch so ablenkend sein (fliehende Buchstaben, Brille, Schuh, Armbanduhr usw.).

Dabei gewinnt der Nebenscherz immer wieder neuen Boden: Der Schatten der Tänzerin ist deutlich ein Sägezahnhai / Der durchlöcherte Hut von Prinzessin Amnesie kann nicht noch plakativer sein / Prinzessin Romasinta (wir sprechen von Sinti und Roma) gehört natürlich zum „fahrenden Volk“, was sich auch daran zeigt, dass sie selbst Einrad auf den Telegrafen-Leitungen „fährt“, während sie selbst in einem Wohnwagenpalast lebt / Das Titelbild taucht auf Seite 55, also fast in der Mitte wieder auf – diesmal jedoch um eine Nuance erweitert: eine Augenklappe, die schon immer die Fantasie beflügelt hat. Hier verstärkt sie den devoten Blick nach unten, während im Titelbild der Silberblick deutlich herauskommt.

Ach, die Anzahl der Bemerkungen zu den Bildern sind unzählig und zeugen doch nur davon, dass die Aufforderung heißt: ANSCHAUEN! Andere hätten aus diesem Buch eine Reihe gemacht – und man hätte sich nicht einmal beschweren können, denn sowohl das interpretierbare Thema als auch (vor allem) der Überfluss an Ideen ist da.

Viele Perlen gilt es aufzunehmen, so dass ein Erwachsener (besser zwei zugleich) gut und gern sich für drei Stunden darin versenken kann. Erprobt.

 Für Kinder? Die Empfehlung muss „bedingt“ heißen, allein ob der Fülle der Ideen. Herumliegen und reingeschaut werden darf allerdings von fast jedem Alter an. Die Spiele mit Farbe und Perspektive und Aufbau locken auch die Kleinen.

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en