Heinz Janisch & Helga Bansch:
Frau Friedrich

Wien: Jungbrunnen 2008.

www.jungbrunnen.co.at

ISBN 978-3-7026-5790-1.
28 Seiten.
13,90  €

Ab 03 Jahre.

 

 

 

 

Frau Friedrichs hat zwei Katzen und einen Freund. Das ist der Erzähler. Frau Friedrichs ist schon 91 Jahre alt und der Junge geht noch nicht zur Schule, aber er weiß viel vom Charakter der Frau.

Harold und Maude

Heinz Janisch lässt den Jungen im Präsens erzählen. Alle Texte beginnen mit „Frau Friedrich hat ...“ und es folgen „den Zauberblick / die Forscher-Neugier / viel Geduld / viel Kraft / gute Ohren“ usw. Der Junge ohne Namen steht neugierig und kein bisschen etwa traurig auf dem Buchinnendeckel ziemlich weit unten vor den oben angebrachten sechs schwarz-weiß Fotos mit dem gezackten Rand, die Sorte, die man von seinen Vorfahren bis vielleicht 1955 kennt.
Erst spät wird klar, dass Frau Friedrichs die Nachbarin ist, bereits 91 Jahre alt, oft sehr müde – wie ihre beiden Katzen. Bestimmt kommt der Junge oft zu Besuch, denn er weiß so viel von ihr. Aber darüber wird nicht gesprochen. Auch nicht darüber, dass Frau Friedrich gestorben ist. Sie hätte Flügel, unsichtbare Flügel, sagt der Junge. Die Illustratorin malt dazu zwei Frau Friedrichs: Eine lässt sich auf ein Gespräch mit distinguierten Herren ein, die sie offensichtlich mitnehmen wollen, wo sie ihren Stock, der an der Sitzbank lehnt, nicht brauchen wird. Die andere wird vom Jungen und den beiden Katzen per Blick nach oben begleitet, denn dort fliegt sie mit ausgebreiteten Armen, ein wenig steif zwar, aber sie ist ja auch schon 91 Jahre. War.

 

Das Gespann Janisch / Bansch hat wieder einmal ein sehr bemerkenswertes Bilderbuch erschaffen. Er mit seinen kurzen, fast lakonischen Texten, der gern mit Wiederholungen arbeitet und dessen Anliegen eine Art von Gelassenheit und vor allem Langsamkeit ist, die auch hier in seiner Geschichte auftaucht. Hartnäckig ist nämlich Frau Friedrich auch – und geduldig. Bleibt schon mal drei Tage auf einem Baum, um die Rabenkinder aus dem Ei schlüpfen zu sehen.

Helga Bansch gibt dann ihre Sicht der Dinge dazu. Die anderen Raben spielen auf der anderen Baumseite eine Art von Fernschach, die Katzen dürfen fast überall mit dabei sein, benehmen sich manchmal leicht burschikos, mal neugierig, mal verschlafen wie die alte Frau selbst.

Auch wenn die Geschichte sich deutlich bei uns abspielt, schummelt Helga Bansch drei Mal die Skyline von New York City in die Bilder, deutlich von Queens oder weiter östlich weg aus gesehen. Sogar einer der Zwillingstürme steht noch auf dem Bild, auf dem sie „Katsushika Hokusais: Die große Woge, aus der Serie der 36 Ansichten des Fudschijama“ zitiert, ja, den ehemaligen Turm des World-Trade-Centers an die Stelle des Berges rückt). Und sie schafft eine wunderbare Symbiose zwischen den Stock von Frau Friedrichs und dem Lenker vom Roller des Jungen.

Da wird einem leicht ums Herz, wenn man daran denkt, dass es weiter geht. Gut weitergehen wird.

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en