Johann Wolfgang von Goethe & Lara C. Hannemann:
Reineke Fuchs
– Teil 1 –

Nacherzählt für Kinder von Heinrich von Garz

Oldenburg: Desina 2008.

www.desinaverlag.de

ISBN 978-3-940307-05-7.
48 Seiten.
14,90  €

Ab 06 Jahre.

 

 

 

 

Bis zur Mitte des „vierten Gesangs“ reicht die Geschichte um den Ritter Fuchs, der sich rechtfertigen soll am Hof des Königs, ist er doch diverser übler Taten angeklagt, die ihn sogar mit der Todesstrafe bedrohen könnten. Goethes Hexameter „erzählt“, dazu stark gekürzt und für Kinder verständlich? Das gelingt!

Ränke und Intrige

Einen schönen altertümlichen Sprachstil behält Heinrich von Garz bei, der für die Nacherzählung verantwortlich zeichnet. Da ist man noch „verdrießlich“, „trotzig“ und „grimmig“, da hatten die Gegner noch „die Schande“, und Reineke erkennt nach Goethe: „Viele weiß ich am Hofe, die mich verfolgen“, denn „vieles wird mir im Rücken gelogen“. Eine gute Mischung aus heutigem Deutsch und Goetheschen Bildern gelingt, und es wird – wenigstens bei lesenden Kindern etwa ab 11 Jahre – deutlich, dass hier durchaus das Leben am Hofe des menschlichen Adels beschrieben wird.

Die Geschichte selbst ist erheblich älter („Rynke de vos“ wurde 1498 in Lübeck gedruckt), die Charaktere entstammen den ältesten Fabeln. Vor allem der Zweikampf Fuchs gegen Wolf, Reineke gegen Isegrim, hat viele Fabel- und Märchenerzähler fasziniert – und damit uns auch. Wir werden (im Teil 2) sehen, dass sich auch hier die Situation auf ein Duell der beiden hin bewegt. Dem körperlich Unterlegenem fällt auch in letzter Not immer noch ein Ausweg ein, und es gefällt ihm, die anderen in schreckliche Situationen zu bringen. Dazu nutzt er sein Wissen um die Schwächen der anderen Tiere, so dass sie mal und mal auf ihn hereinfallen. Nur selten ist einer schlauer als der Fuchs (z.B. Wilhelm Busch: Fuchs und Igel), aber niemandem gelingt es, den Fuchs in irgendwelche Fallen zu locken: Schlau, windig, hintertrieben, mit bösem Humor, der sich auf dem Rücken der anderen entlädt.

Hier sind es nacheinander die Boten des Königs: der Bär Braun und der Kater Hinze. Seinen Freund und Neffen, Grimbart, den Dachs, allerdings lässt er zufrieden, braucht doch manchmal auch einer wie Reineke einen Freund, auf den er sich verlassen muss.

 

Das Bilderbuch ist textlastig. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass die zwölf Gesänge bei Goethe knapp 100 eng bedruckte Seiten umfassen. So kommen die Bilder etwas zu kurz. Lara C. Hannemann bleibt ihrem Stil wie ihren Farben treu: klares, „sauberes“ Braun ist die vorherrschende Farbe, die Figuren verharren seltsam in ihren Bewegungen als spielten sie das Kinderspiel „Freeze“, das Innehalten, wenn die Musik stoppt. Die Blicke der Augen sind ebenso starr, schauen ins Nichts, auch wenn sich zwei anblicken. 17 ganzseitige Bilder steuert Hannemann bei, sowie viele Textbegleiter, einige als Rahmen konstruiert, wie man sie im Jugendstil gern nutzte, andere gliedern den Text durch einen diagonalen Kontakt der Bilder.

 

Ein Bilderbuch, das bereits ob des Muts zu bewundern ist, sich diesem „klassischen“ Thema aus der Zeit des Sturm und Drang zu widmen und es behutsam und dennoch deutlich unserem Heute anzupassen. Ob es nun gerade dort enden sollte, wo wir auf die Fortsetzung warten müssen (in der Soap-Opera im Fernsehen nennt man das „cliffhanger“, da gibt es allerdings auch zwei Stränge, die ein Ende finden), bleibt dahingestellt. Das Ende des vierten Gesangs wäre den Käufern gegenüber, die nur Teil 1 besitzen wollen, fairer gewesen und hätte nichts vorweg genommen von der dramatischen Entwicklung in den weiteren Gesängen.

Der zweite Kritikpunkt muss ein Teil des eigenen Ärgers der Verlegerin über den Druck sein: Über dem Höhleneingang des Fuchses steht in Druckschrift zweimal sehr sinnlos „Malepartus“. Gut, so heißt in der Fabel die Höhle, das „schlechte, böse, finstere Loch“ des Reineke. So sagt es ja auch der Text. Aber muss das im Bild stehen? Nein, passt gar nicht zum Stil der Bilder. (Schwamm drüber – das Buch kann das gut verkraften. Bestimmt auch diese kleine Kritik.)

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en