Mark Benecke & Lisa Fuss:
Wo bleibt die Maus - Vom Kreislauf des Lebens

Düsseldorf: Sauerländer bei Patmos 2008.

www.patmos.de

ISBN 978-3-7941-5174-5.
32 Seiten.
12,90  €

Ab 04 Jahre

 

 

 

 

Nein, die Aufräumer der Natur kommen auch hier nicht gut weg, auch wenn sie verhindern, dass unser Fußboden evtl. gepflastert wäre mit toten Mäusen. Wer räumt sie weg? Eine unangenehme Arbeit, die aber die Natur pflichtgemäß erledigt. Das Bilderbuch entledigt sich der Berichterstatter-Aufgabe sehr sachlich.

der ewige Kreislauf

Der Tod von Kleintieren ist alltäglich. Mücken kurz vor oder nach dem Stich in den Arm, die Klatsche auf der Fliege direkt neben dem Käse, das Ersäufnis der Wespe  im Zuckerwasser der Falle aus Glas.

Hier beschränkt sich das Buch – beispielhaft – auf das Erleben der Situation nach dem Tod einer Maus. Ganz unnatürlich liegt sie auf dem Rücken, die kurzen Beine werden erst jetzt witzig wahrgenommen in der Todesstarre. Und Lisa Fuss zeichnet sie – bis auf dem letzten Bild – mit dem Kopf nach links, zurück gewandt (am Schluss sinnvollerweise nach rechts, denn der Prozess wird so oder ähnlich weiter gehen) also. Vorher war was. Jetzt ist nichts. Kurzzeitig jedenfalls, denn dann kommen die grünen Fliegen, legen zumindest Hunderte von Eiern auf die Maus – iiiihhh, bevorzugt auf die „weichen Stellen ohne Fell: Augen, Mund und Ohren“. Und – iiiiihhh – wir sehen, wie diese Eier zu Maden werden, wachsen, wachsen, und die arme kleine Maus erst verlassen, wenn „nichts mehr zu fressen da ist“.
Na ja, für Geier ist bei uns auch nicht der Platz, und dass das Sich-Vermehren mit Hilfe von Aas weniger wertvoll sei als das Wachsen durch Verschlingen von lebendigen (oder erst kurz zuvor getöteten Tieren) oder aber von Pflanzen anders sei, wird hier zwar nicht behandelt, steht aber unausgesprochen dahinter.

Die Botschaft wird durch die Beschränkung auf nur EIN ehemaliges Lebewesen ziemlich krass deutlich: Neues Leben entsteht durch den Tod eines anderen.

Das mag man verwerflich finden und schrecklich und abscheulich und das sollen doch unsere Kinder noch nicht verstehen müssen – aber, da müssen wir schon ehrlich sein, so ist die Natur aufgebaut. Wer sich damit nicht abfinden mag, der stellt sich gegen sie. Ein ziemliches Dilemma für alle Vegetarier oder gar Veganer (bei Makrobioten wird es schwierig in unserer so komplex gewordenen Welt zu argumentieren), es sei denn, sie stellen sich selbst außerhalb dieser offensichtlichen naturgemäßen Verarbeitung.

 

Von all dem: Kein Wort im Text. Keine Anspielung im Bild. Autor wie Illustratorin beschränken sich auf einen kleinen Ausschnitt. Eine Maus ist gestorben. Wenn man sie nicht begräbt, wird man irgendwann auf toten Mäusen spazieren. Macht man aber nicht. Warum? Antwort: Grüne Fliege, Maden, Puppen, neue Fliegen. Auf Käfer wird nur kurz hingewiesen, wo die Gebeine bleiben wird gar nicht erwähnt. Also: Ein sehr kleiner Ausschnitt der Natur, die ihren Kreislauf durch die letzte tote Maus einläutet, denn die liegt nach rechts. Da geht’s weiter. Auch außerhalb vom Buch.

 

Bleibt die Frage: Darf man Kinder (so ab vier Jahre) damit konfrontieren? Falsche Frage: Man muss, denn um das Leben zu begreifen, muss man auch den Todeskreislauf verstehen – egal, ob man ihn mag oder nicht.

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en