Chih-Yuan Chen:
Gui-Gui das kleine Entodil

Aus dem Chinesischen von Barbara Wang

Frankfurt: Fischer Schatzinsel 2008.

www.fischerschatzinsel.de

ISBN 978-3-596-85283-3.
32 Seiten.
12,90  €

Ab (!) 04 Jahre – sehr gut im Politik- / Werte-&Norman Unterricht einsetzbar

 

 

 

 

Ein Kuckucksei besonderer Art rollt da ins Entennest. Die drei garstigen Krokodile wissen sofort, dass eins der Kinder der Ente zu ihrer eigenen Rasse gehört. Eine großartige Gelegenheit tut sich auf: Das bei den Enten aufgewachsene Krokodil wird die Enten zu den wartenden anderen Krokodilen führen. Mmh, da läuft ihnen schon das Wasser im Mund zusammen.

Entscheidung: Zu welcher Kultur gehöre ich?

Frau Ente ist wohl kurzsichtig, jedenfalls benutzt sie beim Vorlesen einen Kneifer, der verwegen auf ihrem gelben platten Schnabel sitzt. Währenddessen liegen ihre vier Kinder halb unter ihrem einen Flügel, kuscheln sich aneinander. Wir erkennen „Buntstift, Zebra und Mondschein“ und auch Gui-Gui. Dieses Tier ist aber eindeutig keine Ente, sondern ein kleines Krokodil. Auch wenn die Schnauzenspitze leicht gelb verfärbt ist: Die spitzen Zähne, die trotz geschlossenen Mauls aus dem Mund ragen, sprechen eine deutliche Sprache.
Aber Gui-Gui lernt wie die drei anderen das Schwimmen, das Tauchen und den Entenwatschelgang. Und Mutter Ente hat ihn genau so lieb wie ihre drei anderen Kinder. Und die Geschwister lieben einander, als sei das andere Aussehen gar nicht vorhanden. In diese Idylle bricht das Böse ein in Form von drei „garstigen“ Krokodilen. In seinem Herzen und seinem Wesen sei er ja ihr Bruder, und Enten sind zum Verspeisen da, und er solle sich seiner wahren Herkunft bewusst werden und alle Enten morgen auf die Brücke führen, damit sie „Ins-Wasser-springen“ spielen sollen – mitten hinein in die aufgerissenen Krokodilschnauzen.

Dieser Plan misslingt natürlich, und Gui-Gui ist zwar keine Ente, aber auch kein Krokodil. Gui-Gui ist etwas ganz Neues, er ist ein Entodil!

 

Chen zeichnet seine Figuren, schneidet sie aus und klebt die Arrangements auf unterschiedliche Papiere auf. Anschließend bearbeitet er vorsichtig, umrahmt mit dicker schwarzer Linie, gibt den flächigen Figuren einen Raum, indem er ihnen Schatten schenkt, oder dicke Kiesel. Kleine andere Tiere dürfen, zum Teil mehrfach, mitspielen: Eulen, ein Krokodilwächter (Anmerkung: Vogel aus der Familie der Regenpfeiffer, der Krokodile von Kerbtieren, Egeln usw. befreit), diverse Flughunde, eine Holzente zum Hinterherziehen.
Herrlich mit welcher Würde die Enten hoch erhobenen Hauptes durch die Bilder watscheln, die Augen fast, meist sogar ganz geschlossen. So wollen wir auch sein.

Und falls wir doch anders sind (wie Gui-Gui), so sollten wir doch den einarmigen Handstand üben. im flachen Teich und fahlem Mondlicht sieht unser Schatten dann vielleicht auch so aus, wie der einer watschelnden Ente nämlich.

 

Ein wichtiges Thema („der sieht ja ganz anders aus“) so bearbeitet, dass man sagen mag: „Ach, ist mir noch gar nicht aufgefallen.“ Und dann mit ihm weiterspielen. Und der andere? Der sagt: „Ich bin nicht du und auch nicht du. Ich bin etwas Neues.“

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en