Claire d’Harcourt:
Was macht der Bär im Museum?

Tiere in der Kunst.

Aus dem Französischen von Eva Plorin.
München: Knesebeck 2006.

ISBN 3-89660-381-4.
96 Seiten.
24,95  €.

Ab 03 Jahre.

 

 

 

 

Die ersten uns bekannten Höhlenmalereien schon zeigten Tiere, Jagdwild. Abgebildet wurde Überleben in einer Zeit, in der der nächste Tag nicht planbar war. Doch dann hatte die Menschheit Zeit, sich um Nutzloses zu kümmern, um Bilder, Objekte, Kunst, Dinge also, die nicht zum Überleben gehören, sondern zur Sinngebung oder Religion des Menschseins.

Bär, gefangen

Religion ist wohl der ursprüngliche Auslöser, das mystische Festhalten „des“ Tieres, um es verfügbar zu haben – gefolgt von der Sinnpflanzung in Tierkörper, von Löwenstärke und Eulenweisheit, von Adlerübersicht und Kamelausdauer – und von Übermittler zwischen den Welten des Seins und des Todes.

Das Buch lässt vor allem ganzseitige Bilder sprechen, aber die wenigen allgemeinen Texte geben einen guten Einstieg in die „Tierwelt in der Kunst“, die abschließenden 16 Seiten sind konkret auf die 37 vorgestellten Tiere ausgerichtet. Sie zeigen (im Kleinformat) nicht nur das vollständige Bild (und nicht nur den Ausschnitt aus dem Hauptteil des Buches), sondern erläutern auch und geben Hinweise auf den Fundort.

 Möglichst ergänzen sich je ein gemaltes Bild und ein Objekt, das das ausgewählte Tier eventuell künstlerisch verfremdet darstellt: Holz, Eisen und Nägel machen einen wilden Hund, wenn nur die richtige Person die Teile entsprechend zusammen fügt. Wenn kein Gegenstück zwischen zweiter und dritter Dimension gefunden wurde, dann wenigstens zwei gleiche Themen aus sehr unterschiedlichen Kulturen: Ein Tiger von Delacroix wird gegen einen Tiger von Sadahide gesetzt – französische gegen japanische Sichtweise, beide in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden und doch ganz anders. Die Kohleskizze eines Elefanten von Rembrandt wird dem kunstvollen Sarg aus Ghana gegenüber gestellt.
Kulturen prallen aufeinander, werden bewusst einander gegenüber gesetzt. Oft ist Religion im Spiel, immer aber Ästhetik. Insofern ist dies Buch ein Anreiz, auf eine andere Art sich wieder einmal (und immer wieder einmal) mit Ästhetik auseinander zu setzen. Das Thema „Tier“ bietet sich, wie man an Hand des Buchs leicht nachvollziehen kann, förmlich an. Merkwürdig, dass es so lange dauerte, bis das jemand in die Hand nahm - und dann auch noch für Jugendliche aufbereitet. Vielen Dank dafür, Frau d’Harcourt.

 Schade, dass das Titelbild sich nicht „auf den ersten Blick“ erschließt. Der orange-gelbe Streifen über der Brust des Kragenbären ist auf dem Bild von Ailloud schon recht merkwürdig und kaum erklärbar. Auf dem Titelbild wirkt er zusammen mit der ähnlich farbenen Nase und der orangefarben unterlegten Titelschrift in zwei Blöcken eher verwirrend.
Wenn allerdings auf den zweiten Blick vertraut wird, dann ist die Wahl des Titelbilds ausgesprochen gelungen, denn dann sieht man auch sofort den roten Pelzflaum, der mit dem Rot im linken Auge korrespondiert und in deutlichem Wärmekontrast steht zu der einen Kralle des linken Vorderbeins.

Ach, hätte man doch mehr Zeit! Zum Beispiel 37 Tage, wobei an jedem Tag ein Doppelbild zur intensiven Betrachtung aufgeschlagen auf dem kleinen Tisch läge. Eine gute Idee.

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en