François Place:
Großer Bär.

Aus dem Französischen von Bernadette Ott.
Köln: boje 2006.

ISBN 3-414-82007-2.
62 Seiten.
16,90  €.

Ab 05 Jahre

 

 

 

 

Eine Geschichte aus der Zeit, als die Menschen noch mit und in der Natur lebten. Der (Indianer-) Junge Kaor wird vom „Großen Bären“ geschützt, soweit der es vermag. Eine lebensgefährliche Situation übersteht er aber nur auf Kosten seines Gangs. Kann ein hinkender Junge Vollmitglied im Stamm sein und bleiben?

Schutzengel

Luft, Wasser und Landtiere unterschieden sich in Pflanzenfressern und solchen, die im Dunkel der Nacht jagen und andere Tiere zum eigenen Überleben reißen. Das war so, ist so, wird so bleiben. Aber dann kamen Wesen, die hatten keine Hufe und keine Reißzähne. Schwache Wesen, nackt und dennoch stärker als alle anderen, denn sie hatten einen aufrechten Gang und sie hatten Waffen. „Das ist die Geschichte von einem von ihnen.“ 

Der Ich-Erzähler und spätere Beschützer des Jungen Kaor ist der Große Bär, Bruder des Bären, der im Rachen der Erde schläft. Er erschien der Mutter des noch ungeborenen Kaor im Traum, und er wird diesen Jungen während der Geschichte des Buches begleiten – bis Kaor ein neues Kind zeugen wird mit Thia, der Fremden. Der große Bär wird nun dieses noch ungeborene Wesen begleiten im Kreislauf der Natur. So wie es war, wie es ist und wie es sein wird.
 Dazwischen erleben wir die Besonderheit des Jungen, wie er von der weißen Caribou-Anführerin Tanda verschont wird, von der Wut seines Onkels verfolgt wird und dessen Intrige mit Hilfe seines geheimen Beschützers lebend entkommt – nicht ohne dass er einen Preis dafür bezahlen muss: Kaor kann nicht mehr normal gehen. Aber er lernt das Wesen der Wiederkehr der Natur kennen, lernt, die Geister zu beschwören mit Zeichnungen in der Höhle der Mutter Erde. Der alte Fran und die junge Thia pflegen und fördern ihn – wie es auch der Große Bär macht.
Nach der Rückkehr zu seinem Stamm und dem vergeblichen Versuch des Onkels, ihn zu vernichten, ist sein zukünftiger Weg als Weiser oder Schamane vorgezeichnet.

 François Place schreibt nicht nur, er begleitet seine „einfachen“ Texte mit großen Bildern. Dabei unterlegt er sie mit blassen Farben und verstärkt mit schwarzer Tinte / Scriptol o.ä. die Umrisse, schafft Strukturen in der Landschaft und Tiefe auf der Fläche. Er eröffnet uns die Natur, die wir (vielleicht) heute aus dem nördlichen Amerika kennen, aus leicht erhöhter Perspektive, lässt uns in die Höhle gehen und nach oben schauen, und geht auf Augenhöhe, wenn Menschen unter Menschen sind.

 Ein Bilderbuch mit so viel Text? Ja. Wegen des ungewöhnlich großen Formats? Ja, auch. Aber auch wegen der Bilder. Aber ein Bilderbuch hat nur 32 Seiten, dieses hat fast doppelt so viel! Ja, der Text fordert (und darf das auch) seinen Anteil für so viele Jahre der Geschichte und auch für die unterschiedlichen Perspektiven.
 Ein Buch, das die „Alten Zeiten“ beschwört, in der Menschen mit und in der Natur lebten, auch wenn deutlich klar ist, dass der Mensch auch damals schon besonders ist / war. Dennoch darf / durfte er sich nie außerhalb der Natur stellen.

 Hilft uns das für Heute? Ja, wenigstens eine Buchlänge lang. Gut, dass hier nicht 32, sondern 62 Seiten – zumeist in Doppelseiten – abgedruckt sind.

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en