Doris Lecher
Vladin Drachenheld.

Zürich: Bajazzo, 2006.

ISBN 3-907588-75-4.
32 Seiten.
13,90  €.

Ab 04 Jahre.

 

 

 

 

Eine Fledermaus vertreibt im Drachenkostüm die Katze, um Anerkennung zu finden in ihrem Clan. Ein abgekartetes Spiel zwar, aber es funktioniert. Gut, wenn man starke Freunde hat.

Mobbing

Die Einband-Seiten zu Beginn und am Ende zeigen, dass etwas dazwischen geschehen sein muss: Hier hängen einige Fledermäuse und präsentieren sich, dort schlummern sie alle den gerechten Schlaf des Tages. Fast alle jedenfalls. Dazwischen können wir durchblättern, lesen, vorlesen oder selbst anschauen.
Der kleine Schmetterling im Schmutztitel wird offensichtlich hinaus geworfen aus seinem Kokon, hinaus in eine Welt, die er lieber gar nicht besuchen will. Ein ängstlicher Blick zurück bevor das eigentliche Buch überhaupt beginnt, denn Schmetterlinge sind Fledermaus-Futter, und von Fledermäusen handelt das Buch.
Es geht denn aber gar nicht um’s Gefressen werden, sondern um Mobbing. Moppel (ein fast sprechender Name), der Starke, mag Vladin nicht, deswegen mögen die anderen ihn auch nicht. Alle machen mit. Fast alle. Denn Winni und Wiffi machen nicht mit, verweigern sich zwar nicht lauthals, aber immerhin still, trotz einiger Drohungen aus der Umgebung. Man kennt das ja: „Ich würde die besser nicht beachten.“ „Meinst du wirklich, dass du für den …?“ „Glaubst du, er ist das wert?“
Weil Vladin nicht nur bei den Seinen zwei Unterstützer hat, sondern einen Mächtigen (Toto ist ein Kater) zum Freund findet, kann er sich aus der Mobbing-Situation befreien.

 Die Botschaft ist klar: Wenn man selbst klein und schmächtig ist und in die Schusslinie eines stärkeren gerät, hat man zunächst kaum eine Chance. Die anderen machen mit, froh, nicht selbst Ziel des Spotts zu sein. Da hilft nur eins: Du musst dir einen sehr viel stärkeren Partner suchen. Und du musst einen guten Plan haben. 

Doris Lecher hat für ihre Geschichte beides gefunden. Ihre kurzen Texte setzt sie unter die ganz- oder doppelseitigen Bilder, die von einer sehr guten Beobachtungsgabe und entsprechender Umsetzung zeugen. Kater wie Fledermäuse in den verschiedensten Situationen. Hier purzelt jemand herunter, dort sträubt sich das Haar, hier bedroht eine einzige Kralle eine ganze Sippe, dort versuchen sich einige Verängstigte zu verstecken vor dem Kater wie vor dem fliegenden Drachen, der urplötzlich aus dem alten Karton heraus fliegt. Ihre Fledermäuse sind je sehr individuell, zeigen zwar menschliche Regungen, sind aber ansonsten mit ihren großen Flügeln eindeutig selten. Wenn wir könnten, würden wir sie knuddeln. Echte Sympathie-Träger sind sie, wenn sie nicht gerade einen der ihren mobben. Kindergarten-Kinder wissen, wovon die Rede ist, denn diese Situation ist eine der ersten, mit der das elterlich beschützte Kind dort in Kontakt tritt. Gut, wenn es nicht selbst das Opfer ist, aber man muss sich sofort entscheiden: Mitmachen, Weggucken, heimlich Mitleiden und sich ansonsten möglichst unsichtbar machen.

 Die Erschaffung dieser Welt ist viel zu schade, als dass Doris Lecher sie nicht für ein weiteres Buch mit einem anderen Thema nutzen sollte. Mut!

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en