Michael Rosen & Quentin Blake:
Mein trauriges Buch.

Aus dem Englischen von Richard Rosenstein.
Stuttgart: Freies Geistesleben 2006.

 

ISBN 3-7725-2060-X.
32 Seiten.
15,50  €.

Ab 06 Jahre

 

 

 

Der Titel untertreibt mit seinem „M“, denn es ist nicht nur „mein“, sondern es ist „ein“ trauriges Buch. Und nur ein bisschen gibt es da eine Hoffnung, aber die ist eher Erinnerung. Da muss man wohl durch. – Ist es nun gut oder schlecht, dass auch andere traurig sind, egal aus welchem Grund? Hilft mir das?

Ein trauriges Buch

Nein, man sieht es dem Ich-Erzähler nicht unbedingt an, dass er traurig ist. Er kann sich gut verstellen. Aber es ist da, so wie sein Sohn Eddie eben nicht mehr da ist. Und wenn er an Eddie denkt, dann sieht man, WIE traurig er ist. „Ich liebte ihn sehr, ja sehr, aber er ist trotzdem gestorben.“ Wir erfahren nicht warum und nicht woran, Rosen wie Blake lassen uns Leser und Betrachter nur sehr punktuell teilhaben an der Traurigkeit. Es ist wie ein Messer, das im Körper steckt, und das immer wieder jemand dreht. Der Schmerz kommt mit der Traurigkeit und umgekehrt.
Und wir mit. Wir erleben Eddies kurzes Leben in acht Bildern, nein, in sieben, denn das achte ist ein leerer Rahmen. Eddie antwortet nicht, denn „er ist nicht mehr da“. Reden hilft ja manchmal, aber die Mutter des Ich-Erzählers ist auch nicht mehr da und manchmal will er auch gar nicht darüber sprechen. Die Traurigkeit hat auch nicht mit seinem Sohn zu tun, sie ist in ihm, begleitet ihn, lässt ihn Dinge tun, die er nicht für gut hält. Sie macht aus einem sonnigen Sommertag einen kalten Novembertag. Sie bringt Erinnerungen an Kleinigkeiten und das Lachen von Eddie. Aber Eddie ist nicht mehr da. Da gibt es nichts, was sonst noch zu sagen wäre. Vielleicht noch, wie Eddie war, als er lebte, was er machte, wie er groß wurde und älter. Jedes Jahr eine Kerze mehr in der Geburtstagstorte – und ein Lebenslicht dazu.
Auf der letzten Doppelseite sitzt ein vielleicht 40-jähriger Mann an seinem Schreibtisch. Er schaut nicht uns an, sondern auf ein Foto, das in einem kleinen Ständer vor ihm auf der Schreibtischplatte steht. In der Hand hat er einen Stift, vor sich einen Bogen Papier. Und in Wirklichkeit schaut er auch nicht das Foto an, sondern durch das Foto hindurch und auch durch die große brennende Kerze, die von ihm aus hinter dem Foto steht.

 Quentin Blake zeichnet Umrisse wieder mit seinen Krakeluren, und niemals passten sie besser als zu diesem Text. So zerknittert und Umriss-unscharf ist man nur, wenn man nicht mehr man selbst ist, wenn einen immer wieder die Erinnerung oder ein Gefühl oder eine Assoziation den Geist und das Sehen und Fühlen trüben. Das schlimme daran: Es gibt kein Entrinnen. Gut, man kann das andere Gesicht aufsetzen, damit die Menschen in der Umgebung uns noch mögen, aber die Gefühle holen einen ein. Eddie ist tot, gestorben, obwohl er doch so viele Jahre wuchs und sich entwickelte und so fröhlich war, lachte und tollte und spielte. Jetzt nicht mehr.
Je nach Situation, setzt Blake seine Bilder in Rahmen als seien es Erinnerungsfotos, lässt sie dann aber auch wieder fort, so dass wir uns nicht an eine Darstellungsart gewöhnen können. Denn wir können es nicht beeinflussen, haben keine Chance gegen diesen einen Satz, dass nämlich Eddie nicht mehr da ist.
 Sie lassen uns so ratlos zurück, Autor wie Illustrator, wie sie selbst wohl sind und wie der - hoffentlich fiktive - Ich-Erzähler ist: Eddie ist nicht mehr da. Da helfen keine Bilder, kein Gedicht, kein freundliches Gesicht und keine Erinnerung.
Vielleicht, aber nur vielleicht, hilft da die Zeit. Oder sie mildert wenigstens die Traurigkeit.

 Darf man so eine Situation im Bilderbuch so offen zurück lassen? So schlimm es wohl klingt, aber man muss es wohl. Kinder können sich besser in die Situation von Erwachsenen hinein denken, als wir es ihnen gemeinhin zumuten. Und dies ist ein deutliches Buch für Kind UND für Erwachsener

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en