Antje Damm:
Fledolin verkehrtherum.

Hildesheim: Gerstenberg 2006.

ISBN 3-8067-5130-7.
32 Seiten.
12,90  €.

Ab 04 Jahre

 

 

 

Welche Weltsicht ist die richtige? Fledermäuse sprechen vom Wiesenhimmel und davon, dass Jojos nach oben geworfen werden. Alle. Bis auf den kleinen Fledolin natürlich, denn der lebt verkehrt herum. Antje Damm zeichnet eine für uns verkehrte Welt, so wie sie die gemeine Fledermaus als ganz natürlich empfindet. Da, wo der Kopf ist, ist oben.

Baselitz

„Anders rum sein“ war noch vor gar nicht so ganz vielen Jahren ein Begriff für Homosexuelle. Damit hat das Buch allerdings überhaupt nichts zu tun. Fledolin ist in der Tat „anders rum“, allerdings ganz anders. Während des Flugs ist das alles kein Problem, da ist man in der Kurve oder im Looping, fliegt von oben nach unten oder umgekehrt. Aber nach der Landung sieht man, wer die Welt richtig rum sieht. Wir jedenfalls sehen sie anders als die „normalen“ Fledermäuse. Da aber der jeweils kurze Text auch so herum abgedruckt ist, müssen wir uns entscheiden: Menschen = Fledolin-Sicht und den Text verkehrt herum lesen oder umgekehrt?
Mehrmals gelingt uns Anschauern nicht der Transfer vom Bild in unseren Kopf. Das ist (z. B. beim Drachen-Sinken-Lassen) immer der Fall, wenn einige Figuren sich dem für uns adäquaten Hintergrund anpassen, andere aber nicht. Der Mutter ist es letztlich egal, denn sie liebt ihren EINZIGARTIGEN Sohn über alles.

Antje Damm spielt mit Sehgewohnheiten. Wenn der Regen von unten nach oben fällt, dann muss man den Regen- (Pilz-) Schirm entsprechend halten. Dann gibt es eine Bahn ohne Regen. Die ist dann nach ?? Natürlich, nach oben. Aber wo ist denn nun oben? Dort wo die Köpfe sind! Die Köpfe der normalen Fledermäuse!
Ihre Fledermäuse sind zumeist Menschen wie du und ich. Sie tragen Kleidung (der Schlips des Vaters hat deshalb einen Klebestreifen in Höhe des Bauches, sonst würde er ja über sein Gesicht nach oben (?) hängen), zumindest kurze Hose und Hemdchen. Die Fledermaus-Kinder spielen wie die Menschen-Kinder mit Stoffpuppen, sie lachen und weinen (Tränen nach oben!) und erkunden die manchmal auch gefährliche Welt.
Die Bilder sind in Mischtechnik hergestellt. Das Flugzeug wird eingeklebt, ebenso die dicken Äste des Baums und die Schnecke. Der gezeichnete Fuchs wird anschließend ausgeschnitten und über das grau eingescannte Gras geklebt, die Riege der Fledermäuse wird gezeichnet und jeder erhält je ein eigenes Gesicht. Die Haare stehen dabei zu Berge, Verzeihung, fallen dabei in Kopfrichtung, also nach oben.
Die ganz ungewöhnliche Sichtweise lässt nicht nur Kinder ab 4 Jahre staunen, auch viel ältere sind zumindest zeitweise genau so verwirrt wie die Erwachsenen.

Bleibt nur noch die Baselitz-Frage: Hat Frau Damm nun „normal“ gemalt und anschließend das Bild umgedreht (und vervollständigt)? Oder hat sie von vornherein ein „auf dem Kopf stehendes Bild“ geschaffen?

 

P.S. Ein schöner Name ist ihr mit „Fledolin“ auch noch eingefallen. Das klingt einerseits irgendwie chinesisch und andererseits nach Fridolin. Und süß ist er auch noch, der Kleine. Nach all dem vergibt man der Künstlerin leicht, dass die Arme der Fledermäuse nicht zusätzlich zu den Flügeln existieren. Sie bilden eben diese. Dann könnten sie allerdings auch nicht Fledolin mit „Eins-Zwei-Drei-Juppsala“ mitnehmen. Was ist also wichtiger? Schon wieder eine Entscheidungsfrage ...

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en