Emanuelle Houdart:
Die Monster sind krank.

Aus dem Französischen von Edmund Jacoby.
Hildesheim: Gerstenberg 2006.

ISBN 3-8067-5129-3.
40 Seiten.
26,90  €.

Ab 03 Jahre.

 

 

 

 

Blutrotes Innenblatt, ein menschliches Herz unter dem „Danke“ und ganz schreckliche Monster sind die Zutaten, die für starke Leser-Nerven sprechen. Dann ist aber alles halb so schlimm und im Gegenteil: ziemlich witzig. Monster sind auch nur Wesen mit menschlichen Eigenschaften. Aber man kann sie wahnsinnig toll zeichnen, denn sie sind keine Menschen ...

Schwarzer Mann mit Migräne

Ziemlich versteckt das Motto des Buches: „Des Nachbarn Kuh ist krank. Das ist nichts Besonderes, aber es bereitet einem doch immer wieder Freude.“ So leiden wir mit den armen, armen Monstern mit (und reiben uns insgeheim die Hände). Schlafkrankheit, Migräne, Angst, Magenbeschwerden, Bandwurm und Zahnweh sind nur einige der Krankheiten, die auch Wesen heimsuchen, vor denen wir gemeinhin uns fürchten.
Die in der Widmung genannte „Fantine“ darf auf fast allen Bildern dabei sein. Mal liegt sie im Bett, mal ist sie eine Puppe auf dem Rücken des Riesen, der sich kräftig übergibt und dabei Frosch und Regenwurm und Fliegenpilz und Haus und Reißzwecke und ... und auch noch Fantine selbst ausspeit. Dann wiederum finden wir sie dreifach in einer Jackentasche der Teufelin mit der Angst oder als Trösterin des Riesen mit der Depression. Ja, das Leben als Monster ist auch nicht mehr das, was es früher – vielleicht – einmal war.

Emanuelle Houdart benutzt die rechte Seite des (sehr) großformatigen Buchs als reine Bildseite, auf der sie ihre Fantasie so richtig auf Reisen schickt (und dabei kleine Anleihen macht bei der Mystery Tour der Beatles).
Die Textseite links ist ebenfalls graphisch gestaltet, spielt aber auf verschiedenen Ebenen mit der Figur, der jeweils genannten Krankheit und unserer Schadenfreude. Dem Yeti mit den Stinkefüßen wird zum Beispiel angeraten, nur Dinge ohne Geschmack zu essen (Avocado, Tofu, Wasser). Und dem Nachbarn in der Schule kann nicht unbedingt die Krankheit „Windpocken“ zugedacht werden, wenn er Handschuhe trägt und eine Mütze, die das Gesicht bis auf die Augen verdeckt. Er könnte auch einen Überfall planen.
Ja, das Böse ist überall, wie die Anmerkungen immer wieder feststellen. Nasenbluten kann auch eine Vampirverkleidung sein. Für eine Werwölfin ist diese Krankheit allerdings extrem unangenehm. Da hilft nur eine Brennnessel-Kur.

Je länger / häufiger man sich die Bildseiten anschaut, desto intensiver sind sie. Hoffentlich bekommen diese Bilder auch diese Chance, denn sie dürften für den „normalen“ Geschmack zunächst etwas heftig sein. Erst durch wiederholtes Anschauen eröffnen sich die vielen kleinen Facetten und versteckten Anspielungen.
Das Gleiche gilt auch für den Text mit seiner Viergliedrigkeit (allgemeine Erklärung – Symptome – Behandlung – Anmerkung (aus der Welt der Schule)). Hier zeigt sich auch, dass das Lesealter deutlich über dem Bilderbuch-Alter (leider gibt es immer noch diese Kategorien) liegt.

Die Kinder sollten schon in die zweite oder gar dritte Klasse gehen, um adäquat mit den Bildern und dem doch etwas versteckten Humor umgehen zu können.

Erwachsene (Vorleser) werden ihre wahre Freude haben an Text und Bild. Bestimmt

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en