Dagmar H. Mueller & Verena Ballhaus:
Herbst im Kopf.

Wien: Annette Betz bei Ueberreuter 2006.

ISBN 3-219-11260-9.
28 Seiten.
12,95  €.

Ab 05 Jahre.

 

 

 

„Der Herbst in Oma Annis Kopf fegt erst die Erinnerungen weg, die am wenigsten lange her sind.“ So erklärt Mama der Ich-Erzählerin, was die Krankheit „Alzheimer“ mit Oma macht. Die ist ganz freundlich und fragt ebenso, wer sie denn jetzt besuche? Dabei bin „ich“ das, Paula, mit meiner Freundin Sinja. Wir waren vorhin erst da, bei ihr.

Alois Alzheimer

Wenn man flüstert, dann merkt Oma Anni, dass man über sie redet. Und da verlässt sie die Fröhlichkeit. Da merkt sie, dass irgendwas nicht stimmt. Mit ihr. Und das macht sie wütend und traurig zugleich. Richtig verzweifelt ist sie dann. Und böse ist sie nicht auf die anderen, sondern auf ihre Krankheit. Da muss ich mich dann möglichst schnell an sie kuscheln, damit sie nicht denkt, sie lebt allein auf einem Mond mitten unter irgendwelchen Marsmenschen.

Die Geschichte strömt so viel Liebe aus, dass man fast heulen möchte. Da ist dies kleine Mädchen, das ihre Oma so mag, wie sie ist. Und sie kann sie immer mehr verstehen und hilft ihr möglichst unauffällig an und mit Kleinigkeiten, dass Oma weiß, warum die Bluse da hängt. An- oder Ausziehen? Abend oder Morgen?

Ein ausgesprochen langer Text. Gleichberechtigt zu den Bildern fordert er je eine ganze Seite und ist dabei gar nicht groß gedruckt. Die Geschichte ist wichtig.

Dabei greift sie ein Thema auf, dass zwar all gegenwärtig ist, aber bisher noch nicht im Bilderbuch erschien. Höchste Zeit also.

Verena Ballhaus erhält mit ihren Bildern zwar den gleichen Platz wie der Text, aber sie hält sich sehr zurück, so, als wollte sie die Botschaft im Text auf keinen Fall mit ungewöhnlichen Illustrationen erdrücken. Und so unterstützt sie ihn, vorsichtig, zeigt den blöden Moritz („Deine Oma ist ja verrückt!“) als blöden Kerl und Oma immer als ausgesprochen liebenswerte Person, auch wenn sie manchmal schwebt und „verrückte Dinge tut“ (z.B. Geschirr in die Waschmaschine steckt). Die Idee, den Lebenslauf von Oma als Baum darzustellen, der von oben nach unten die Blätter verliert, ist absolut klasse und wirkt im Bild wie im Text.

Möge ich dereinst eine Paula haben und so meine Alzheimer-Krankheit erleben dürfen.

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en