Toon Tellegen & Marit Törnqvist:
Pikko, die Hexe.

Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler.

Düsseldorf: Sauerländer bei Patmos 2006.

ISBN 3-7941-5139-9.
48 Seiten.
15,90  €.

Ab 04 Jahre.

 

 

 

Wenn man so klein ist, dass man sich unter einem Staubkorn verstecken kann, und zudem noch Hexe, dann kann man sich auch in die Gedankenwelt von Hund, Bär, dem Jungen Iwan oder sogar einer anderen Hexe hineinmogeln. Und was dann alles passieren kann…!

Gutes Tun (?)

Die Gedanken von anderen bestimmen zu können ist eine Vorstellung, die wohl der eine oder schon mal hatte. Bevor Pikko das kann, muss dies kleinste, wohl winzigste Wesen der Erde erst einmal feststellen, ob es überhaupt fliegen kann. Das ist der erste Beweis für sie, dass sie eine Hexe ist. Der zweite ist die Klärung der Machtfrage. Sie fällt klar zu ihren Gunsten aus: Das, was sie im Gehirn von Hund, Bär, Mensch (und Hexe) sagt, wird nicht nur von diesen auch ausgesprochen, nein, es findet auch statt. Der Hund reißt sich von der Kette los und knurrt, jault, heult, dass von überall auf der Welt Antworten kommen. Der Tanzbär kehrt die Situation um, so dass nicht nur der Zirkus-Direktor nun tanzen muss, sondern auch alle Zuschauer.
Danach aber lässt Pikko die beiden in ihrer Lage zurück und sie müssen bitter büßen, dass sie sich so auflehnten gegen die menschlichen Herren. Pikko ist keine Fee, Pikko ist eine Hexe!

Dann hilft sie einem Jungen, der nach seiner Mutter ruft, sie im Gewühl der Großstadt verloren hat. Pikko in seinem Kopf sorgt mit den Worten des Jungen dafür, dass der Kaiser abdanken muss und durch das Land kriechend sein weiteres Leben verbringen muss.
Und zum Schluss sorgt sie sogar für eine hexenfreie Welt.

 

Die Geschichte fordert natürlich zum Gedankenspiel auf, was wäre, wenn ich kleine Hexe wäre und diese Macht hätte. Würde ich einiges anders machen, den Hund schon einmal bedauern, weil er für seinen Ungehorsam, für den ja in Wirklichkeit ich verantwortlich wäre, schlimm bestraft wird für den Rest seines Lebens? Und ließe ich einen bösen Herrscher für den Rest seines Lebens kriechen, sich von Löwenzahn und Würmern ernähren?
Und vor allem, würde ich die geheime Herrschaft der Hexen ebenfalls beenden – und damit ja meine eigene ebenfalls? Es gibt viele Fragen zu klären und viel über die Ungerechtigkeiten auf der Welt (an drei Beispielen gesehen) ebenfalls.

 

Ein relativ langer Text in einem ungewöhnlich umfangreichen Buch bestimmt die Geschichte, nicht deutlich von den Bildern getrennt, aber schon „daneben“. Zum Selbst-Lesen für Schulanfänger viel zu lang.
Die Bilder führen uns (wie einige Versatzstücke im Text) in ein Land, das ziemlich russisch aussieht: Zwiebeltürme, Frauen mit Kopftüchern, Pferde ziehen einen Heuwagen. Es kann aber auch ein Land der Märchen sein, in dem ein Lebkuchenhaus inmitten eines Waldes steht und Wölfe eine Großmutter und ein Mädchen mit roter Mütze verschlingen. Eine ärmliche Gegend ohne Elektrifizierung, wo noch mit der Sense gemäht wird und die Holzhäuser windschief sind.
Marit Törnqvist bevorzugt einen leicht erhöhten Blickstandpunkt, so dass man immer auch hinter eine Mauer schauen kann, aber dennoch nicht völlig abgehoben ist. Dabei sein und dennoch über der Situation schweben; Kontakt haben, aber dennoch einen Blick von oben nach unten werfen.
Neben ihren ganzseitigen Bildern in Mischtechnik setzt sie in die frei bleibenden Textstellen Ergänzungen, verzerrt Personen wie Tiere, karikiert sie fast.
Dabei sind ihre Bilder so, dass man sie gern gerahmt auch ins eigene Wohnzimmer hängen würde, da sie farblich sich gar nicht festlegen, ohne dabei „bunt“ zu wirken. Selbst in bedrückenden Situationen findet sie Ästhetisches: Die Häuser brennen golden, der Kaiser liegt mit seinem roten Mantel so auf dem Platz, dass die graue Menschenmenge ein geöffnetes Maul bildet und das rot eine lächerlich kleine Zunge.

Tolle Bilder + eine Geschichte, mit der man nicht so schnell fertig wird = ein hervorragendes Bilderbuch.

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en