Heinrich Heine & Aljoscha Blau:
Loreley.

Berlin: Kindermann 2006.

ISBN 3-934029-24-8.
24 Seiten.
14,50  €.

Ab 06 Jahre.

 

 

 

„Ich weiß nicht, was soll es bedeuten…“ beginnt Heinrich Heines Ballade von der Frau, die alle männlichen Schiffer auf dem Rhein betört(e) mit ihrem Gesang und mit ihrer Schönheit. Aljoscha Blau malt sie mit einem Wasserfall aus güldenem Haar. Seine Hauptfigur ist allerdings jemand anderes.

Versuchung

Bis zum letzten Bild sind Aljoscha Blaus Menschen ernst bis verschlossen. Jeder scheint seinen Gedanken nachzuhängen, Kapitän wie (s)ein Junge und ebenso die Touristen. Eine Fahrt auf dem Rhein zu jenem bekannten und für die Schifffahrt gefährlichen Felsen namens Loreley steht an. Aber keine freudige Erwartung ist auf den Gesichtern der das Boot besteigenden Menschen zu erkennen. Wohl eilen die ersten leicht vornüber gebeugt auf dem schmalen Steg zum kleinen Boot, der letzte mit dem umgehängten Fotoapparat aber schaut zurück. Der Kapitän ist griesgrämig: geschlossene Augen, hängende Mundwinkel, die durch den dunklen Bart verstärkt werden. Was in seinem Kopf vorgehen mag, hat der Illustrator auf dem Schmutztitel angedeutet. Er benutzt den Kopfumriss mit der scharfen Hakennase, um kleine Wellen zu zeichnen auf denen sich ein schmales gelbes Band eines Sonnenstrahls spiegelt. Wir werden dies schmale Band später senkrecht als die Haare der sirenengleichen Loreley wieder finden.
Was mögen die Menschen denken, erwarten, die auf dem Boot gezeichnet sind? Der Ehemann schaut verstohlen auf die andere Frau, ein junger Mann scheint eingeschlafen zu sein, die Ehefrau hängt ihren Gedanken nach. Jedenfalls scheinen keine Gedanken auf die Loreley gerichtet. Der Kapitän erklärt dem Jungen etwas, was dieser sich etwas widerwillig anhört.
Nach dem Umblättern erfahren wir, wovon er erzählt, denn Junge und Kapitän werden stehend auf einem kleinen Ruderboot gezeigt. Das Meer ist zitronengelb, der Himmel orangegelb, Junge, Kapitän, Kahn und Berg dunkel. Sie heben sich stark vom Hintergrund ab. Er ruft sie, der Kapitän, ruft die Loreley, und der Junge mit langen Armen und den Händen in den Hosentaschen kniepst die Augen zusammen. Er sieht sie noch nicht. Doch da ist sie, die Loreley. Ihre Haare sind ein schmaler langer Wasserfall den Berg hinunter. „…sie kämmt ihr goldenes Haar.“ „Ich glaube, die Wellen verschlingen am Ende Schiffer und Kahn…“ dichtet Heine, doch Aljoscha Blau lässt den verzweifelten Kapitän am Leben, und ein staunender Junge hat seinen Arm um den Hockenden gelegt.

Doch dann sind wir wieder in der Wirklichkeit. Alle sind aus ihrer Lethargie erwacht – und der Junge darf das Steuerruder halten.

So macht man aus einer alten Geschichte und einer wunderschönen kurzen Ballade, die erste Bearbeitung stammt – so erfahren wir im Nachwort – von Clemens von Brentano 1801 (Die Lore Ley), die wohl nicht letzte von Erich Kästner (Der Handstand auf der Loreley) 1932, ein modernes vielschichtiges Bilderbuch, das nicht nur Kindern gefällt.

Eine mutige Reihe (Poesie für Kinder), die im Kindermann Verlag erscheint und von Sascha Nicola Simon betreut wird.

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en