Robert Ingpen:
Der Traumfänger
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Ein Brief an Elisabeth von ihrem Großvater Robert Ingpen.

Aus dem Englischen von Horst Künnemann.
Kiel: Minedition 2006.

ISBN 3-86566-035-5.
36 Seiten.
14,90  €.

Ab 06 Jahre.

 

 

Vor allem die schlechten Träume fängt der Traumfänger, damit die sich nun ganz gewiss nicht erfüllen. In seinen selbst gefertigten Körben trägt er sie zurück zum Großen Traumbaum, die Hexen, Trolle, Kobolde oder gar Drachen. Doch seine Kraft ist begrenzt, denn Feen lassen sich nicht greifen oder einfangen.

Träume dürfen sich nicht erfüllen

Robert Ingpen führt in die uns Welt des Traumfängers, den seines Wissens nach noch nie jemand gesehen hat. Aha, denkt man sofort, alles ausgedacht! Aber dann fährt er so detailreich fort, dass man die Anfangsskepsis sofort wieder vergisst. Seine Kleidung erinnert an Schamanen, viele Zaubermittel und Köder sind am Mantel festgebunden und geheimnisvolle Zeichen sind in die Hölzer eingeritzt. Für jedes Wesen braucht er einen speziellen Käfig oder Korb, manche muss er zunächst verwandeln, damit sie sich leichter oder überhaupt erst transportieren lassen.
Ingpen entwirft eine Welt, in der Wesen wie Dinge einen Platz finden, und beschreibt dabei mit einer gewissen Ungewissheit, die den Inhalt der wunderbaren Bilder gleich wieder relativieren. Klar ist jedenfalls, dass Träume real werden. Nur deshalb muss er ja die bösen einfangen und zum Traumbaum zurück bringen. Sonst würde es vielleicht den Figuren aus den Märchenbüchern schlecht ergehen oder gar dem einen oder anderen Menschen.

Ingpen verpackt sein Buch in einen Rahmentext, so als ob er einen Brief an Alice, seine Enkeltochter, schreibe. So „ungefähr“, wie er in seinen Texten bleibt, so auch in seinen Bildern. Auch wenn sie noch so detailreich scheinen, bleibt an allen ein Nebel haften, werden sie nicht zu Ende ausgeführt, verschwindet ein Fuß im diffusen Gras, fasert das Bild in eine Ecke aus. Gerade diese Gleichzeitigkeit von Fotorealismus und Impressionismus, von realer und gedachter Welt, bringen einen ungeheuren Reiz in die Bilder, die auch mal zitieren dürfen (die Schwester des Traumfängers ist in Haltung, Gestik und Ausstattung ziemlich deutlich Vermeer entlehnt) und immer mit warmen Farben ein angenehmes Gefühl beim Betrachter erwirken.
Immer? Ganz und gar nicht! Nachdem sich der in Brauntönen gezeichnete Traumfänger gegen Ende der Geschichte in einem diffusen Blau auflöst, folgen drei Doppelseiten, die eher an (Hieronymus) Bosch erinnern oder an Brueghel (Breughel). Wildes Traumdurcheinander in kalten Farben, Personen mit toten oder starren Blicken, Anspielungen auf Zeit (5. Jan 94) und Märchen, Nebeneinandersetzen von Zentauren und Frankensteins Wesen, Arabisches mit Gartenzwergen, Indisches mit Afrikanischem, Einhorn mit buddhistischem Mönch, Pan mit Froschkönig, Drachen mit Fuchs und Schimpansen, Elfen mit Pinocchio, und noch einmal Hase mit Uhr – um in einem in weißem Nachtgewand auf den Zehenspitzen stehenden Mädchen zu enden, das mit einigen Feen beiderlei Geschlechts spielt. Das muss Alice sein, die namentlich ja durchaus auch eine berühmte Vorfahrin hat - obwohl Alice ja eigentlich Elisabeth heißt. Sagt Ingpen.

 

Wieder ein Buch mit Schutzumschlag, liebevoll gestaltet und vom Titelbild bis zum Schlussbild so illustriert, dass man es allein ob der Bilder besitzen möchte – unabhängig von der Geschichte, die jedoch nach dem Kauf keineswegs enttäuscht. Allerdings nicht für das gängige Bilderbuch-Alter, sondern für Kinder, die gerade noch „bilderbuchfähig“ sind. Bald werden sie für fast 10 Jahre dem Bilderbuch abgeneigt sein, bevor sie wieder zugeben können, dass Bilderbücher überhaupt eine DER Kategorien von Büchern sind, die unabhängig vom Alter von (fast) jedem angenommen werden kann. Man muss sich allerdings auch trauen.

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en