Hans Christian Andersen & Lisbeth Zwerger:
Die kleine Meerjungfrau.

Kiel: minedition 2006.

ISBN 3-86566-001-0.
44 Seiten.
14,90  €.

Ab 04 Jahre.

 

 

Die Geschichte einer übermenschlichen Liebe, die den antiken griechischen Tragödien in Nichts nachsteht. Wir müssen zusehen, wie Eine aus Liebe alles auf einen Moment setzt – und verliert. Die kleine Meerjungfrau wird zu Meerschaum und ihre Geschwister verlieren ihr Haar, während ein Menschenprinz heiratet und nichts von alledem bemerkt.

Absolute Liebe

Hätte, könnte, wäre doch – sind die Satzanfänge, die uns einfallen, wenn wir an den Beginn dieser eigentlich sowieso unmöglichen Liebe denken. Sie hätte sich dem Prinzen, den sie so lange durch die Meere zieht bis sie den Ohnmächtigen auf einen Strand ablegt, doch nur einen Moment lang zeigen können. So meint der Prinz später, das zuerst erblickte Mädchen sei seine Retterin gewesen. Und später wird er sagen, dass er nur seine Retterin heiraten wird. Da kann die kleine Meerjungfrau das Missverständnis nicht aufklären, denn sie hat ihre Stimme verkauft, damit sie als Menschenfrau beim Prinzen sein kann. Und der Preis für Beine statt Fischschwanz ist ebenso unmenschlich hoch.
Wir sehen das Unheil immer näher kommen, der so unverdiente Tod anstatt des unendlichen Glücks, dass wir eingreifen möchten in den Verlauf der Geschichte – so wie es die Schwestern der kleinen Meerjungfrau machen, die ihre Haarpracht opfern, um wenigstens das Leben ihrer Schwester zu retten. Aber uns wie wohl auch den Schwestern ist klar, dass sie ihr eigenes Leben nicht auf Kosten des Prinzenlebens retten wird. Aber den Versuch war die kleine Meerjungfrau immerhin wert. – Im Klappentext erfahren wir, dass Andersen notierte: „…das einzige meiner Werke, das mich berührte, während ich es schrieb“.

 

Die Meeresfrauen von Lisbeth Zwerger sind eigentümlich plump, haben keine Taille, die Schwanzflosse ist eher vom Hering als vom Delfin. Sie haben (noch) keine Brüste, verführerisch sind lediglich die extrem langen Haare, aber die zeichnet sie strähnig und trocken, dem Wind oder dem Meeresstrom ausgeliefert. Dreizehn ganzseitige Bilder begleiten die Geschichte und viele Details im Text (oder an seinem Rand), der einige Passagen ebenfalls farblich hervorhebt. Blau und Blaugrün sind die vorherrschenden Farben, aus denen hier ein Rot hervor leuchtet oder dort ein Rotbraun am Horizont versinkt.
Ganz zarte lang gestreckte Insekten mit durchsichtigen grünen Flügeln zeichnet sie, eine Grille, ein Aal und ein Teufelsfisch, farbige Seepferdchen und Stichlinge, rote Muschel und Schneckenröhre, ein Pinguin und einen Tropfen Blut. Ganz zum Schluss.

„Sie wusste, es war der letzte Abend, an dem sie ihn sah, für den sie ihre Verwandten und ihre Heimat verlassen, ihre schöne Stimme hingegeben und täglich unendlich Qualen gelitten hatte, ohne dass er es mit einem Gedanken ahnte.“ Ein Stich in sein Herz mit dem Messer der Hexe und alles wäre wieder wie früher. Mit welchem Recht hat er das Opfer verdient, wo er doch nicht einmal ahnt, dass es dieses Opfer gibt?

Herr Andersen lässt uns da ziemlich ratlos zurück. Frau Zwerger nicht, die gibt uns wunderschöne Bilder, Traumbilder.

Michael Neugebauer (minedition) lässt dieses Buch wie auch die anderen in gleichem Verlag erscheinenden üppig ausstatten. Das fängt beim Schmutz-Umschlag an (zugleich allerdings innen Werbefläche) und geht über die mehrfarbig gestalteten Seiten (auch die Textseiten haben zumindest einen Zwei-Farben-Druck) bis zum Gesamtumfang des Buches. Während einige Bücher zum üblichen 32-Seiten-Umfang von Bilderbüchern nur gelangen, wenn man nicht nur Vor- und Nachspann, sondern auch noch die Buchdeckel selbst mit dazu zählt, umfasst „Die kleine Meerjungfrau“ echte 44 Seiten. Bei gleichem oder ähnlichem Preis, wohlgemerkt. Das darf ruhig auch einmal positiv vermerkt werden.
Und noch ein nettes Bonbon: Bei der Zusammenschleifung von MIchael NEugebauer Edition zu „minedition“ fehlt ein „
e“. Dafür ist das eine in Gold gedruckt. Schön.

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en