Istvan Banyai:
Zoom.

Düsseldorf: Sauerländer bei Patmos 2003.

ISBN 3-7941-3900-3.
64 Seiten.
15,80  €.

Ab 03 Jahre.

 

 

Ein Buch ohne Text, das man von hinten oder von vorn sinnvoll durchblättern kann. Dabei wird man mindestens sieben (!) Mal in eine neue Realität gehoben, heraus gezerrt aus der Welt, die man gerade zu begreifen anfing. So lässt man sich gern überraschen.

Vom Hahnenkamm ins Weltall

Wir sehen eine rote, gezackte Fläche, die mit Punkten, Klecksen und Linien leicht aufgelockert ist. Zuordnen können wir sie erst beim Umblättern, denn es war wohl der Kamm des Hahns (auch wenn wir beim genauen Schauen diverse Unterschiede ausmachen können – was auch für die Zukunft gilt, ist aber gar nicht schlimm, denn es bringt eine zeitliche Dimension mit hinein in die Bilder). Herausgezoomt (gibt es ein deutsches Wort? „Von außen in die Situation geschaut“ vielleicht) sehen wir zwei ziemlich plakativ gezeichnete Kinder am Fenster stehen, die den Hahn anschauen. Bald werden wir feststellen, dass das Plakative keinem Unvermögen von Istvan Banyai entspringt, sondern einer Vorplanung. Wir sehen nämlich, das erfahren wir bald, gar keine Szene aus der Wirklichkeit, sondern wir sehen den Augenblick eines Mädchens, das mit entsprechenden Spielsteinen ein Dorf aufbaut.

Aber auch hier lassen wir uns hereinlegen, denn es handelt sich um das Titelblatt der Zeitschrift „Toy“, das eben diese Szene darstellt. Ein eingeschlummerter Junge hält diese Zeitung in der Hand, während er in seinem Sessel auf einem Luxusschiff am Swimmingpool sitzt.
So geht es uns ein um das andere Mal. Immer wieder stutzen wir, wenn eine neue Plattform unser bisheriges Sehen nicht nur in Frage stellt, sondern konterkariert. Immer wieder sind wir überrascht und versuchen zwischendurch einmal, ob wir noch den Weg zurückverfolgen können. Toll gemacht!

Das fast quadratische Buch nutzt für die Bilder ausschließlich die rechte Seite, die linke bleibt tief schwarz. „Schau nicht zurück!“, sagt sie uns. „Lass dich weiter ziehen in die bunte Welt der Wirklichkeit!“ Und wir mit, immer weiter in die Wirklichkeit, die wir doch immer wieder als Schein erfahren. Aber: Lassen wir uns davon abhalten? Nein, natürlich nein, denn fröhliche helle Farben locken uns rechts, links, also zurück, wartet dagegen die schwarze Fläche.

Den ganzen Weg vom Ende des Buches her zu gehen, ist auch möglich, aber viel weniger überraschend. Da tauchen wir ganz selbstverständlich ein auf die Insel, in die Briefmarke, in den Fernseher usw. Woran mag das liegen? Fällt es uns leichter, den Dingen auf den Grund zu gehen, zu analysieren also, als im Gegenteil herauszutreten aus unserer derzeitigen Wirklichkeit, um neben uns zu treten und das Geschehen, deren Teil wir sind, von außen zu betrachten?

Kinder fragen das nicht, Kinder finden die Bilder plakativ und farbig schön und lassen sich mit uns überraschen. Was gut gelingen mag, ist das gemeinsame Erstellen eines Begleit-Textes. Wenn man kann, überlässt man den größeren Sprechanteil dem Kind.

 

Für die Schule ist es vor allem im Kunst-Unterricht ein beeindruckendes Buch. Gelingt es den Schülern, kleine Dinge extrem groß darzustellen, sich hineinzudenken in Kleinigkeiten? Viel leichter ist wohl der umgekehrte Fall, allerdings auch schwieriger darzustellen – vor allem, wenn es sich um eine Sinn-Aussage handelt.
Aber auch für den Philosophie-Unterricht ist es ein Buch, das viele Sprach-Anlässe liefert und mehrfach nach-denkenswert ist.