Nikolaus Heidelbach:
Königin Gisela.

Weinheim: Beltz 2006.

ISBN 3-407-79906-3.
32 Seiten.
14,90  €.

Ab 03 Jahre.

 

 

In der Rahmenhandlung macht Papa allein mit seinem ältesten Kind, einer Tochter, einen Bade-Urlaub. Jeden Abend erzählt er ihr einen Teil der wohl ausgedachten Geschichte von der „Königin Gisela“ und ihrem Volk, den acht Erdmännchen. Klingt merkwürdig? Ist Klasse!

Macht korrumpiert

Ist das Titelbild schon geheimnisvoll, so verstärken das der innere Umschlag und vor allem der Schmutztitel: 20 Erdmännchen bilden mit einigen Accessoires den Schriftzug: KÖNIGIN GISELA. Dann ein Bild, das den 50er-Jahren entnommen sein könnte. Im blitzblanken roten DKW verlassen Vater mit Tochter die Mutter und die vier Geschwister und fahren ans Meer. Das Hotel an der Steilküste scheint nicht sehr besucht zu sein. Die Zeit vergeht mit Baden, Essen, Faulenzen. Am Abend wird eine Geschichte in Fortsetzungen erzählt.
Verwöhntes Mädchen aus reichem Haus wird auf eine einsame Insel gespült. Dort leben offensichtlich nur noch acht weitere Lebewesen: Erdmännchen. Sofort übernimmt Gisela das Kommando, lässt sich von den Erdmännchen unterhalten und verwöhnen, kommandiert sie herum. Sie kommt gar nicht auf die Idee zu fragen, was diese Wesen vor ihrer Ankunft wohl getan haben und warum sie sich gleich zu Beginn ihre Überheblichkeit gefallen lassen. Das hätte wohl noch lange so weiter gehen können, selbst die Krönung zur Königin hätten die Erdmännchen durchgeführt, wenn Gisela nicht auf einer Ungeheuerlichkeit bestanden hätte. Auch das geknechtetste Volk und die untertänigste Unterwürfigkeit stößt an Grenzen, wo es heißt: Bis hierher und nicht weiter! So dürfen wir also ein Floß sehen mit einem Mast. Dort sitzt ein Mädchen, offensichtlich gefesselt, und hält einerseits das Hecksteuer und andererseits die zweite Ecke des Dreieckssegels in ihrer Hand. Die zweite Ecke ist oben am Mast befestigt, die dritte hält ein aufrecht stehendes Erdmännchen zwischen den Zähnen. Es weht ablandiger Wind, die Küste wird bald nicht mehr zu sehen sein.

Sehr verstörend, dieses Bild, das auch auf dem Titel zu sehen ist. Das Mädchen lächelt, winkt mit der anderen Hand, das Segel ist fröhlich gelb, die Fesselung ist kaum zu erkennen. Was aber ist mit diesem Erdmännchen, das dafür sorgt, dass sich das Segel blähen kann. Opfert es sich? Warum zeigt es seine Zähne? Hat das Mädchen doch nicht alle Macht über die Erdmännchen verloren? Ganz falsch: Erst wenn man ganz genau hinschaut, erkennt man, dass dieses Erdmännchen eine Holzpuppe ist! Die Erdmännchen verhöhnen ihre Fast-Königin. Sie soll sich immer daran erinnern, dass sie ein schönes Leben gehabt hätte mit den Erdmännchen, wenn sie eben nicht den Bogen der Macht überspannt hätte.

Das ist nicht nur ein Buch mit wunderschön gezeichneten Bildern, das sind auch zwei ebensolche Geschichten. Die innere enthält eben diese sieben Gute-Nacht-Geschichten auf neun Doppelseiten. Text und begleitende Bilder sind zweispaltig gesetzt, nur zwei Mal gibt es ein doppelseitiges Bild. Die äußere Geschichte, die mehr ist als eine Rahmenhandlung, dagegen wird nur auf Doppelseiten entwickelt, die je mit sehr knappem Text unterschrieben sind.

Auf der Auswahlliste zum LesePeter der AJuM der GEW für den Monat August 2006.