Carll Cneut & Brigitte Minne:
Hexenfee.

Aus dem Flämischen von Mirjam Pressler.

St. Pölten: Residenz 2006.

ISBN 3-7017-2000-2.
32 Seiten.
14,90  €.

Ab 03 Jahre.

 

 

Das geht ja gar nicht. Feen sind lieb und Hexen böse. Eine Hexenfee? Unmöglich! Wir leben aber in einer ambivalenten Welt, und da darf man manchmal auch beides sein. Man? Rosmarine!

Gut und böse

Zauberstab, Zauberstab! Anstatt eines anständigen Paars Rollerskates gibt es zum Geburtstag wieder nur einen Zauberstab. Wenn es wenigstens ein Boot gewesen wäre. Aber nein, ich darf mir ja keine blutige Nase holen oder ein paar Kratzer am Knie! Feen sind lieb und anständig, krümeln nicht und kleckern nicht und sind immer angezogen, als seien sie aus einem Ei gepellt. – Das kann schon nerven, wir können die kleine Fee Rosmarine gut verstehen, aber muss sie deshalb gleich Hexe werden wollen?
Gesagt, getan. Im Hexenwald wird ein prachtvolles Baumhaus gebaut und ein Boot. Eine der Hexen borgt Rosmarine sogar ihre Rollerskates, eine andere schenkt ihr sogar einen „funkelnagelneuen“ Flugbesen. Jetzt ist sie eine richtige Hexe, auch wenn man die Hexen á la Cneut an den langen Nasen erkennen sollte. Wie sich Mutter und Tochter arrangieren und wie man tatsächlich mal als übermütige Hexe und mal als brave Fee leben kann, das lasse man sich am besten selbst vorlesen.

Dies ist ein Buch, in dem außer dem Illustrator kein männliches Wesen vorkommt, ja, nicht einmal vermisst wird. Unerhört! Aber das schmälert kein bisschen weder die Geschichte, die man sehr gut in unsere heutige Welt übertragen kann, noch Bilder, die Carl Cneut gewohnt ungewöhnlich darbietet. Seine Wesen haben Bein- und Füßchen, die Arme sind viel zu dünn gegen die massigen Körper, die Gesichter schwanken zwischen „hässlich“ und „merkwürdig“. Die Welt der Feen malt er in Pastell, von Rosa bis Satt-Rot, die Hexenwelt ist nicht so dunkel und wüst, wie man sie sich vielleicht vorstellen mag. Die Umgebung ist eher gelb, vor der sich allerdings die dunkel gekleideten Hexen wie die kahlen Bäume gut abheben. Während er Rosmarine mit rotem Matrosenjäckchen und großen Tragetaschen umziehen lässt, folgt Mama später in Rot mit weißen Querstreifen (Anm.: machen dick) und extrem kleinen schwarzen Handtäschchen.

 

Eine gute Geschichte und entsprechende Bilder. Es dreht es sich um Loslassen-Können, um Geduld-Haben-Mögen mit den eigenen Kindern, um Ver- und Zutrauen zu den Kräften aus den Quellen der Herkunft. Es dreht sich um Neugierig-Sein für andere Welten und andere Wertsysteme. Ein wahrhaft multi-kultureller Inhalt.

Gern mag man sich als Erwachsener vorstellen, wie man beabsichtigt, sich selbst zu verhalten, wenn die eigene Tochter aus diesem wohlbehüteten Haus plötzlich die Welt des Punks für sich entdeckt. Lässt man sie gewähren, ja folgt man ihr in diese andere Welt und schläft im etwas „siffigem“ Bett an die streng riechende Tochter gekuschelt? Und / oder stellt man nur fest, dass die Vorurteile über das Fremde denn doch nicht stimmen und dass man überall leben kann, leben soll, wo man glücklich ist?