Jens Thiele:
Der Junge, der die Zeit anhielt.

Wuppertal: Peter Hammer 2006.

ISBN 3-7795-0048-5.
28 Seiten.
14,90  €.

Ab 06 Jahre.

 

 

Das zweite Bilderbuch von Jens Thiele lebt – noch mehr als „Jo im roten Kleid“ – von den Collagen aus verfremdeten Fotografien, gerissenen und geklebten Papierfetzen und streng geometrischen Formen, um die Geschichte zu erzählen, was den wirklich passieren würde, wenn wir sagen: „Ich möchte (vor Glück, vor Kummer) die Zeit anhalten!“ Hier passiert es tatsächlich allen, bis auf Anna und dem Jungen, dessen Namen wir nicht erfahren.

Halt

Eine Trennung. Die Mutter zieht fort von ihrem Mann und nimmt den Jungen mit. Alles hat er zurück lassen müssen, der Junge, seine Freunde, sein Zimmer, seinen Vater. Da wollte er, dass die Zeit auch nicht mehr weiter gehe. Und sie war plötzlich stehen geblieben. Das galt aber nicht für seinen Schmerz, und sein leises Weinen hört die, für die das Anhalten der Zeit offensichtlich nur zum Teil galt. Anna kann sich im Gegensatz zu dem Radfahrer und dem Hund wenigstens mühsam bewegen. Sie trifft den Jungen auf der Treppe, und er erzählt. Bilder aus der Vergangenheit werden lebendig, so als könne er nicht nur die Gegenwart anhalten, sondern die Zeit auch zurückdrehen. Aber Anna ist positiv, pragmatisch, schaut nach vorn und reißt den Jungen mit. Der Fahrradfahrer nimmt Fahrt auf, der Hund bellt und Annas Mutter ruft: „Das Frühstück ist fertig.“ Ein neuer Tag beginnt.

Eine kleine, einfache und schöne Geschichte, die jeder nachempfinden kann, der Trennungs-Schmerzen kennt. Umso mehr, wenn sie so endgültig scheinen, weil die Eltern sich trennten. Anna ist einfach nur da, rechtzeitig wohl (um im Zeit-Bild zu bleiben). Die beiden tanzen, schweben, fassen sich an (na ja, vor der untergehenden Sonne).

So geradlinig Thiele erzählt, so „verquer“ sind seine Bilder. Halt gibt er ihnen durch Streifen und Flächen, die er als Fensterrahmen oder Bildteiler nutzt oder als Raumgeber oder als ruhigen Teil innerhalb eines ansonsten sehr unruhigen Bildes mit vielen Ideen für die Collage. Wolken, Blitze, dicke Mauern, Bedrohliches und vorsichtige Annäherung. Während Anna einen Namen hat, ist ihr Gesicht doch kaum je zu erkennen. Im Gegensatz dazu ist das Gesicht des namenlosen Jungen mehrmals sehr deutlich zu sehen. Die letzten Bilder haben dann keinen Text mehr, eins ist dafür allegorisch befrachtet (Treppe, Sonne, Raum mit zwei Gläsern, Zahnbürsten?), das letzte aber strahlt Lebensfreude aus, wobei die beiden Tanzenden sich ergänzen: Das Mädchen wird als Negativ-Schablone, der Junge halb positiv gezeichnet und halb ausgespart – er wird es aber wohl schaffen. Mit ihrer Hilfe bestimmt. Ihre Lebensfreude nimmt der Junge mit seiner ausgestreckten Hand wohl auf.

 

Wieder ein Bilderbuch für Erwachsene, Herr Thiele? Oder für beide, für Erwachsene und Kinder? Oder für Kinder und Erwachsene? Die Geschichte ist einfach und zugleich intensiv genug, um das ganze Buch auch für Kinder zu tragen. Den Bild-Kompositionen aber merkt man an, dass sie nicht nur dem Bilderbuchmarkt standhalten sollen, sondern vielmehr den erwachsenen Kritikern, den kritischen Studenten. Das ist nicht schlimm, so lange sie zugleich der Geschichte dienen und dem „normalen“ Bilderbuch-Betrachter nachvollziehbar bleiben.
Tun sie, alles drei.