Roberto Innocenti:
Rosa Weiss.

Nacherzählt von Mirjam Pressler.
Düsseldorf: Sauerländer bei Patmos 2006.

ISBN 3-7941-5124-0.
32 Seiten.
15,90  €.

Ab 06 Jahre.

 

 

Eine Neuauflage von 1986 mit einem nacherzähltem Text: Im Nazi-Deutschland jubeln die Menschen den fortziehenden Soldaten nach. Niemand scheint sich zu bemühen, hinter die Kulissen zu gucken. Das kleine Mädchen gerät eher zufällig in eine helfende Situation, aber die dankt es ihr nicht. Aufrüttelnd.

Nie wieder

Mirjam Pressler erzählt eher beiläufig, beschreibt und stippt uns nur selten auf bestimmte Stellen. Obwohl im Ort das Essen knapper wird, wird der Bürgermeister doch immer dicker. Er ist es, der es gegen Ende besonders eilig hat, den Ort vor den anrückenden fremden Soldaten zu verlassen. Und er ist auch der Auslöser, der die kleine Rosa Weiss neugierig macht: Warum versucht der abgemagerte Junge aus dem Auto zu fliehen? Wohin wird er gebracht?
Das erste Bild wirft uns hinein in eine enge Stadt. Reich ist man hier nicht, die Häuser sind ausbesserungsbedürftig, aber die Menschen sind sauber gekleidet und die roten Fahnen mit dem schwarzen Hakenkreuz treten deutlich aus den grün-grauen anderen Farben hervor. Junge Männer verlassen als Soldaten die Stadt. Die Menschen winken. Doch bereits das nächste Bild, auf dem weiteres Militär die Stadt durchquert, zeigt, wie dünn so ein Jubel ist: Vor dem (noch) geschlossenen Laden mit dem Schild „Brot“ hat sich eine Menschenschlange gebildet. Essen ist knapp, und Wasser wird aus der öffentlichen Pumpe im Vordergrund in Eimer gefüllt. Auf jedem Bild sehen wir ein kleines Mädchen mit roter Haarschleife und hellblauem leicht geöffneten Mantel über dem rosafarbenen Rock und weißen Kniestrümpfen. Sie gerät immer mehr in den Mittelpunkt, ein ähnlicher farbiger Tupfer wie das Hakenkreuz. Je weiter die Geschichte fortschreitet, desto grauer und erbärmlicher erscheinen Stadt und Menschen, vor allem aber die Soldaten. Die Scheiben der Autos sind spiegelblind, die große Limousine hat ein Doppel-S am Kennzeichen, ein Soldat trägt eine schwarze Uniform, und die weiß auf die Mauern aufgepinselten großen Durchhalteparolen karikieren sich selbst.

Inhaltlich ein wenig unglaubwürdig ist, dass das Mädchen Rosa mitten im Wald an den elektrischen Stacheldrahtzaun um die Baracken eines Lagers mit jüdischen Kindern trotz Schnee bedecken Bodens ungesehen so nah heran kommt, dass sie immer nach der Schule einiges Essen hindurch schieben kann. Aber damit verlieren alle anderen mehr oder weniger gleichgültigen Menschen ihre Unschuld. Mit etwas Aufmerksamkeit hätte jeder hier stehen können. Dabei ist Rosa Weiss keine Heldin, auch wenn sie wohl weiß, dass sie etwas „Verbotenes“ macht.
So ist es also gut, dass das Buch kein „happy end“ hat, wenn auch einige mit weiß blühender Ackerwinde überwucherte Panzersperren vor einer blühenden Frühlingswiese ein versöhnliches Bild zeigen.

 

Sowohl Text als auch Bilder lassen Vieles offen, reißen mehr an als dass sie aufdecken. Hier heißt es: Nachfragen, auch wenn (anders noch als bei der deutschen Erstauflage 1986) kaum noch jemand da sein dürfte, der aus eigener Erfahrung Antworten geben kann. An vielen Stellen kann eingehakt werden: Judenstern, Nazisymbole, Fahrzeuge, Kleidung, eine Frau, die sich umdreht als der Bürgermeister den flüchtigen Jungen aufhält, Konzentrationslager, Volkssturm und demoralisierte und geschlagene oder verletzte Soldaten vor Häusern mit vernagelten Fenstern, Flucht mit Pferdewagen oder Fahrrad, Soldaten der Roten Armee zwischen verfallen Hausruinen.

Für jedes Alter ab ca. 6 Jahre geeignet – und für Schülerbüchereien sowieso.