Janell Cannon:
Stellaluna.

Aus dem Englischen von Till Martin.
Hamburg: Carlsen 2006.

ISBN 3-331-51521-2.
48 Seiten.
16,00  €.

Ab 04 Jahre.

 

 

Flughundkinder werden von ihrer Mutter während der Nahrungssuche mitgetragen. Eulen sind ihre Feinde. So stürzt der / die kleine Stellaluna ab und wächst mit Vogelkindern auf, muss also auch das entsprechende (Fress- und Schlaf-) Verhalten annehmen. Geht das gut? Wie lange?

Fledermaus? Flughund!

Ganz, ganz wunderbare Zeichnungen in Fotorealismustechnik auf der rechten, der Bilderbuch-Seite, quadratisch, mit weißem Rand. Die fragilen Geschöpfe ebenso gemalt, durchsichtig fast die Flügel der Flughunde, ungemein detailreich die Ausschnitte. Der junge Flughund, fast noch ein Baby, verliert den Halt bei der Mutter als die Eule angreift und fällt fast wie ein Stein nach unten. Ein Astgewirr hält ihn auf, ein nahes Vogelnest ist seine künftige Heimat. Ab sofort hat er nicht nur drei Geschwister, er muss sich auch auf die Ess-Gewohnheiten (Grashüpfer, Würmer ...) einlassen, sondern auch auf die Schlafgewohnheiten: NICHT mit dem Kopf nach unten und NICHT am Tag schlafen!
Es kommt seine Zeit, als es nämlich um Nacht-Sicht geht. Es kommt aber auch die Zeit, da er Artgenossen trifft, die sein artfremdes Benehmen sehr merkwürdig finden. Und es kommt die Zeit, da sich art-übergreifend Freundschaften festigen. Schön.

Nicht nur durch den Anhang merkt man die Zuneigung der Autorin und Zeichnerin Janell Cannon zu den Flughunden. Ihre Begeisterung überträgt sich direkt auf die Leser, Hörer und vor allem Betrachter der Bilder. Sie skizziert viele einzelne Szenen auf den Umschlag-Innenseiten und verpasst auch den Text-Seiten immer noch eine kleine Vignette.
Dabei vergisst sie nicht den Humor: Zu komisch, wie der Kleine nach dem ersten Absturz im Zweiggewirr hängt und aus den ihn ummantelnden Flügeln große ängstliche Augen herausstarren (knapp links an uns vorbei, man ist versucht, sich umzudrehen, ob sich jemand dort aufhält).
Einziger Vorwurf: Zu lang. Kindern um vier Jahre muss man beim Vorlesen Pausen einräumen. Vielleicht hätte die Idee sogar für zwei Bücher gereicht, eins mit dem Schwerpunkt „interkulturell“ und eins mit dem Thema „Rückkehr aus der Fremde“.

 Für wen ist es also geschrieben, gemalt? Für alle Erwachsenen mit Sinn für Ästhetik. Für alle Kinder, die sich einen Fundus an schönen Bildern anlegen wollen. Aber auch für alle, die sich im übertragenen Sinn mit „dem Fremden“ und seinem Schicksal auseinander setzen mögen oder für den Fremden im umgekehrten Sinn.

Moral: Man vergibt sich nichts, wenn man sich den Gegebenheiten anpasst, aber man darf andererseits seine Quellen nicht verleugnen. Beide haben ein Recht auf Dasein.
Wenn das möglichst viele Menschen mit / aus diesem Buch mitnehmen, dann muss uns nicht Bange werden.

 

Auf der Auswahlliste zum LesePeter der AJuM der GEW April 2006.