Quint Buchholz :
Der Sammler der Augenblicke.

München: Hanser 2005.

ISBN 3-446-19077-5.
48 Seiten.
19,90  €.

Ab 15 Jahre.

 

 

Das wunderbare Bilderbuch von 1997 ist endlich wieder neu aufgelegt. Quint Buchholz malt seine realistischen Bilder in aufwändigen Verfahren und setzt Dinge und Gegenstände und Leere gegeneinander, dass wir zu träumen meinen. Begleitend dazu eine entsprechende Geschichte. Lesen! Schauen!

Still, halt ein!

Max, der Maler, zieht in das Haus der Eltern des Ich-Erzählers, vierter Stock, Insel. Er wird etwas mehr als ein Jahr bleiben und den Jungen in seinem Atelier dulden. Der macht dort seine Hausaufgaben, zeichnet, bastelt, liest, spielt Selbst-Schach – während Max malt. Aber der Junge darf nie sehen, was Max auf die Leinwand bringt, denn der Maler „darf das Bild nicht zu früh zeigen, weil er sonst … [den] Weg wieder verlieren könnte.“
Als der richtige Zeitpunkt zum Zeigen kam, war Max nicht mehr da. Aber er hatte alles vorbereitet: Eine Ausstellung von mehr als zehn Bildern, jedes mit merkwürdigen kurzen Sätzen begleitet und jedes mit einer Menge von Irrealem in diesen extrem realistischen Bildern: ein fliegend stehender Zirkuswagen mit herunter gelassener Strickleiter, ein großes Glöckchen in einer merkwürdigen Reihe im Schnee, ein riesiges Paket auf einer Kuhwiese usw. Die Texte scheinen gar nicht zu diesen Bildern zu passen, aber sie stoßen je eine eigene Geschichte an, die zu jedem einzelnen Bild gehörig sein könnte. Es muss ein Vorher gegeben haben und es wird ein Nachher geben. Das Bild aber kennzeichnet genau diesen Augenblick, hält ihn fest, sammelt ihn ein.

Jedes einzelne Bild verdiente eine längere Besprechung, Interpretation. Nehmen wir uns eins beispielhaft vor: schwebender Zirkuswagen mit Strickleiter. Der Fluchtpunkt liegt tief im rechten Teil des Bildes. Wir sehen links ein einstöckiges Haus mit geschlossenen Fensterläden, in der Tür steht en Junge, davor ein Mädchen mit ausgestrecktem Arm, der in Richtung der Brücke zeigt, die sich wohl in tiefer Diagonale aus dem Bild bewegt. Als Säulenheiliger zu Beginn steht ein Saxophonspieler mit Hut, der aber offensichtlich eingefroren ist, auf einem Sockel. Genau über ihm ist die rote Deichsel des Zirkuswagens, der ansonsten hell erleuchtet ist und dessen Tür im 45-Grad-Winkel geöffnet ist. Von dort reicht die Strickleiter bis auf die Brückenstraße. Eine dunkle Katze starrt genau auf die Leiter. Ein Junge, den wir von hinten sehen, steht ganz links in der Ecke und beobachtet die gesamte Szenerie. Über ihm leuchtet eine warm-gelbe Lampe über einem Hotel-Eingang, das mit roter Farbe wirbt. Unverständlich ist das Straßenschild, das die Fahrt auf die Brücke durch ein „links abbiegen Pfeil“ erklärt, zugleich aber durch ein „Durchfahrt für alle verboten“ Schild das erste ad absurdum führt. Zwei frei fliegende Vögel mit weiter Spannweite erweisen sich als auf den Zirkuswagen aufgemalt.
Ein verführerisches Angebot, sich doch in den fliegenden Wagen zu begeben, aber weder das zeigende Mädchen (es zeigt deutlich neben das fliegende Objekt) noch der stoische Saxophon-Bläser und erst recht nicht der das Mädchen beobachtende Junge scheinen interessiert. Die Katze hat da schon eher ihr Augenmerk auf das tiefe Ende der Strickleiter. Ein tiefer Horizont, viele sich fast in der Bildmittenhorizontale schneidende Linien lassen sich einziehen – den Intentionen des Malers kann man sich nur langsam annähern.

So viel kurz zu  e i n e m  Bild. Zu den anderen spricht man am besten selbst, oder man lässt sie selbst sprechen. Gut, ein bisschen Zeit braucht es schon, aber es lohnt sich.
Vielleicht stellt man das Buch auf einen Notenständer im Haus und blättert jede Woche ein Blatt weiter… Es lohnt sich auch eine Wiederholung im nächsten Jahr.

Ja, so wollen wir über unser Dasein nachdenken.

Für alle Erwachsenen und viele Kinder ab 09. oder 10. Klasse, also 15 bis 16-Jährige