Heinz Janisch (Text) & Aljoscha Blau (Bilder):
Rote Wangen.

Berlin: Aufbau 2005.

ISBN 3-351-04062-8.
32 Seiten.
15,00  €.

Ab 04 Jahre.

 

 

Wenn mein Großvater sagt, dass es so war, dann war es auch so. Alle Geschichten sind also nicht nur kurz, sondern sie sind auch passiert. Wirklich. So wahr, wie er mir immer noch Geschichten erzählt, auch wenn die anderen sagen, er sei schon längst tot.

Enkel

Die Geschichten handeln von kleinen Streichen (Wasser in eine Schublade füllen) oder Erlebnissen (der Honigkuchen war so süß, dass die Biene ihn noch eine Woche lang verfolgte) oder Wundern (der rote Knopf im Bauchnabel lässt Funken aus den Ohren sprühen). Sie sind in handschriftlicher Druckschrift auf liniertem Papier geschrieben, so eins, wie man früher hatte: mit rotem Rand außen und etwas dicker unten. Zumeist werden nur wenige Zeilen genutzt und früher umgebrochen als nötig. Kleine Tinte-Zeichnungen, fast Gekritzel, ergänzen. Obwohl diese vorgaukeln sollen, dass Opa sie in jungen Jahren passend zur Geschichte zeichnete, merkt man (zumeist) natürlich die Hand des erfahrenen Illustrators: das Monokel verschärft die gestrenge Haltung; das Einschenken des Tees aus der gemütlichen bauchigen Kanne gerät in Punkto Haltung zum Beispiel für korrekte Wiedergabe; die Fahnenflucht des Soldaten könnte als Plakat dienen.

Die ganzseitigen farbigen, fast realistisch gestalteten Bilder zeigen den ganzen Aljoscha Blau. Erstes und letztes Bild bilden einen großen Bogen im Buch. Links der Junge auf dem Hocker lauscht dem Großvater auf seinem großen Schaukelstuhl ihm gegenüber. Die (realistisch falschen) Schatten der beiden verweisen auf einen Fluchtpunkt außerhalb des Zimmers auf den Horizont des Gartens in der vertikalen Mitte und im Goldenen Schnitt der Höhe des Bildes. Der Garten zeigt die nackten Zweige von Obstbäumen, auf denen leichter Schnee liegt, der wiederum mit den grauen Haaren des Großvaters korrespondiert. Im Zimmer selbst sind diverse Gegenstände, die Wärme und Leben ausstrahlen. Insofern gleichen sich Anfang und Ende, allein das Zimmer ist zum Schluss leer, völlig leer, man sieht noch die Abdrücke der ehemals dort hängenden Bilder. Der Junge ist da auf seinem Hocker, der Schaukelstuhl. Die beiden Schatten von Enkel und Großvater verweisen auf den gleichen Fluchtpunkt am Horizont des lindgrün blühenden Obst-Gartens. Allein, der Schaukelstuhl bleibt leer.

Autor wie Illustrator, Janisch wie Blau, erzählen uns die Geschichte einer großen Liebe zwischen Großvater und Enkel, die den Tod des Älteren einfach negiert. Mögen die anderen sagen, dass Opa doch schon ein Jahr tot sei, dem Jungen erzählt er immer noch seine Geschichten vom Rundflug mit den gefundenen Flügeln, vom Treffen mit dem Schneemenschen, von der Entdeckung der seltenen Tierart. Gut, Großvater ist durchsichtig geworden, aber das liegt an seiner Krankheit, die er kurz nach seinem 80. Geburtstag bekam.
„Wen störts?“ ruft mein Großvater

Thema der Geschichte ist natürlich auch der Tod, mehr aber noch die Liebe, das Zutrauen in die Macht der Worte und das unendliche Vertrauen von Kindern in die Eltern (hier Großvater).