Neil Gaiman (Text) & Dave McKean (Bilder):
Die Wölfe in den Wänden.

Aus dem Englischen von Zoran Drvenkar.

Hamburg: Carlsen 2005.

ISBN 3-551-51648-0.
56 Seiten.
18,00  €.

Ab 06 Jahre.

 

 

Fotos, Collagen, Texte, Skizzen, Übermaltes, wild und herrlich schräg aneinander gesetzt, verstärkte Linien, Schatten – all das passt so gut zu dem ausgelebten Satz: „... dann ist alles vorbei.“ Aber die Wölfe kennen auch einen ähnlichen Satz. Und später noch die Elefanten ... Herrlich!

„Wenn die Wölfe aus den Wänden kommen ...“

Mittelpunkt der Collagen wie der Geschichte ist Lucy. Die hört nämlich als erste und einzige der Familie, dass etwas in den Wänden ist; sie meint, Wölfe vernommen zu haben. In drei je ähnlichen Abfolgen bestreiten in vier Bildern pro Seite die Mutter, der Vater und auch ihr Bruder, dass so etwas möglich sei. Bevor es dann doch wirklich wird, reden noch einmal alle drei gegen Lucy, während sie selbst – weiß gewandet beim abendlichen Waschen im Badezimmer (eine Anspielung auf Jesus und das Kreuz, in Weiß gesetzt gegen die rotschwarz gesetzten drei anderen) – sich auf der nächsten Seite in das scheinbar Unvermeidliche fügt. Die Familie muss vor den Wölfen fliehen, die in der Tat mit gelb-leuchtenden Augen aus den Wänden (einer offensichtlich anderen Realität) in die Wohnung (eben unserer gelebten Realität) stürmen.
Ganz hinten im Garten sammelt sich die Familie und versucht, erst einmal diese Nacht zu überstehen. Allein, Lucy hat in ihrer Flucht ihr Schweinchen vergessen. Sie vermisst es und ist in Sorge um das Schweinchen: „Sie könnten ihm alles Mögliche antun.“
Also kehrt sie zurück in das Haus, findet ihr Schweinchen aber nur, weil sie selbst sich zwischendurch in den Wänden vor den Wölfen verbirgt, die sich ansonsten wie wilde Tiere in einer zivilisierten Welt benehmen: Sie vernutzen Betten, Marmeladen, Popcorn und selbst die zweitbeste Tuba von Papa, beschmieren die Wände, machen kaputt und benehmen sich wirklich sehr ungezogen.
Als auf Lucys Rat die Menschenfamilie sich der Wände bemächtigen, gibt es bei den Wölfen keine Warnung, sondern nur den Ausruf: „Wenn die Menschen aus den Wänden kommen ... dann ist alles vorbei!“ und fliehen sie in heillosem Durcheinander in eine Gegend, die sonst niemand kennt. Es folgen im Haus Aufräumen, Saubermachen, Reparieren, so dass das Haus wieder richtig bewohnbar ist.
Dann entdeckt Lucy (und ihr Schweinchen pflichtet ihr bei), dass da eben ein Geräusch war, fast so, als wenn ein Elefant versuchte, ein Niesen zu unterdrücken.

 

Eine tolle, lebendige Geschichte um eine imaginäre Weisheit der Menschen, dass nämlich alles vorbei sei, wenn die Wölfe aus den Wänden kommen. Eine Weisheit, die offenbar entsprechend die Wölfe von den Menschen kennen, und die man offensichtlich auch weiter spinnen kann: Elefanten, Frösche, Pinguine ...

Zu dieser sehr merkwürdigen Ausgangs-Situation kommen die sehr gewöhnungs-bedürftigen Collagen, die einerseits Angst einflößend sind, zum anderen aber auch beruhigend wirken: Lucy und ihr Schweinchen bilden eine Einheit und sind sowohl ruhender Pol als auch Entwickler der Geschichte..

Die Farbe der Umschlag-Innenseiten lenkt unsere Aufmerksamkeit auf den Kern der Geschichte, auf Vergleichbares in Film Buch und Theater.
Sie ist schwarz, noir sagt der Franzose, absurd sagt der Ire.