Hans Fallada & Willi Glasauer:
Lüttenweihnacht

Berlin: Aufbau 2005.

ISBN 3-351-04066-0.
24 Seiten.
12,50  €.

Ab 05 Jahre.

 

 

Lüttenweihnacht ist heidnischer Brauch: Weihnachtsfest für die Tiere einige Tage vor Heilig Abend. Wenn das Lehrer Beckmann erfährt oder Förster „Rotvoß“ den Diebstahl des Baums bemerkt, dann setzt es aber was! Die Bauernkinder Friedrich, Alwert und Frieda machen sich bei Nebel dennoch auf.

Tüchtig neblig heute

Diese herrliche alte Sprache! Wer sagt denn schon „Tüchtig neblig heute“, wenn er seinem Sohn zu verstehen geben will, dass man entweder heute die Schule schwänzt und sich einen Tannenbaum für die Tierweihnacht besorgt, oder man es eben bleiben lässt. Drei „Bauernkinder, voll von Spuk und Aberglauben, zu Hause wird noch besprochen, da wird gehext und blau gefärbt“, machen sich bei dichtem Nebel auf den Weg. Im Ranzen sind keine Bücher, sondern Axt und Säge. Wehe wenn der Förster mit dem fuchsroten Bart sie erwischt! Was ihm nicht alles nach gesagt wird – da wird einem schon vom Hörensagen Angst und Bange. Also: Bloß nicht erwischen lassen!
Aber, wenn man sich schon in der Nähe der richtigen See (Anm.: Wir befinden uns auf Rügen) und nicht des Boddens befindet, dann muss man auch die Wellen gucken. Da ist aber gerade jetzt diese ideale kleine Tanne, die man nie mehr wieder finden wird auf dem Rückweg. Also, schlagen, Zweige binden, mitnehmen, zum Ufer, zur Brandung. Hoffentlich wird man nicht erwischt. Doch halt, welche ein „wehklagendes Schreien, ein endloses Flehen, tausendstimmig“. Gespenster? Die Seelen Ertrunkener?
Wie sich dieser Teil auflöst in ein anderes Lüttenweihnachten und warum die drei Bauernkinder mit dem Förster Rotvoß von nun an ein Geheimnis verbindet, soll hier nicht verraten werden.

Eine stimmige Geschichte aus einer gar nicht so fernen Vergangenheit. Rudolf Ditzen alias Hans Fallada lebte von 1883 bis 1947 in Brandenburg und verarbeitete hier ein altes Brauchtum aus der Gegend. Sein Schreibstil trifft die kauzige Art der Menschen, die trotz mancher Furchtverbreitung das Herz auf dem rechten Fleck haben. Lakonisch, in einer Mischung aus fast einer Ich-Erzählung aus unmittelbarer Nähe erzählt, zieht er uns mit hinein in die verschiedenen Ängste: vor dem Nebel, dem Förster, der Abbruchkante am Meer, dem Schulmeister, den Geistern, lässt uns aber auch Teilhaben am Geheimnis, das aus diesem Mut entsteht.

Und als könnten wir uns das alles nicht wunderbar selbst bildlich vorstellen, gibt der Illustrator Willi Glasauer (Jahrgang 1938) noch eine eigene Dimension hinzu. Sein Nebel besteht aus unendlich vielen kleinen Strichen, hinter denen schemenhaft ebenso der Leuchtturm wie auch die drei Kinder am Ackerrain oder vor Nagels Hof auftauchen. Trotz des Zeichenstils bleibt Glasauer absolut realistisch, ohne dass die Prise Süßlichkeit etwa den Bildern schaden könnte. Die Angst ist in den Augen der drei einfachen Kinder als sie die Geräusche hören ebenso wie die Inbrunst beim Anzünden der Kerzen im Stall vor der versammelten Tieresschar. Fast scheint es, dass die Bilder aus Grautönen bestehen, bis man die leichten Färbungen, vorherrschend ist ein stumpfes Grün, erkennt. Dass auf dem Titelbild vor einer fahlen Mondsichel zwei Wildgänse über einen geschmückten Tannenbaum mit roten, leuchtenden Kerzen fliegen, hat man beim Lesen gleich wieder vergessen.

Eine Weihnachtsgeschichte, die man immer wieder (vor-) lesen kann. Jedes Jahr.

 

 

 

 

P.S. Quelle: http://www.koelner-krippengaenge.de/weihnachtskrippe/krippenbrauchtum/luettenweihnacht.html

Nach altem Aberglauben können die Tiere in der heiligen Nacht nicht nur sprechen, sie verdienten auch als Teil der erlösten Natur besondere Zuwendung, denn sie haben in der Gestalt von Ochs und Esel Anteil an der Geburt Christi gehabt. Im Mittelalter legte man in der Heiligen Nacht Hafer aufs Dach und gab ihn Weihnachten den Tieren zu fressen. Noch heute werden die Haustiere zu Weihnachten besonders gut verpflegt. Bauern in Bayern legen vor dem Gang zur Mette ein Bündel Heu ins Freie, das sogenannte Mettenheu, das sie nach der Mette den Tieren zum Fraß vorwerfen. Nach abergläubischer Sicht soll dieses Futter vor Hexen und Seuchen bewahren. Auch die Pflanzenwelt wird nicht vergessen: Bäume werden geschlagen, beklopft, mit Stroh umwickelt, begossen, damit sie wachsen und fruchtbar sind (Baum wecken). Der Begriff Lüttenweihnacht (auch: Tierweihnacht) verwendet den alten Begriff für „klein”, vgl. Lützel (z.B. Koblenz-Lützel) oder das engl. „little”, und verweist damit auf die unter dem Menschen stehende belebte Natur.