Chen Jianghong:
Der Tigerprinz.

Aus dem Französischen von Erika und Karl A. Klewer.

Frankfurt: Moritz 2005.

ISBN 3-89565-168-0.
44 Seiten.
16,80  €.

Ab 05 Jahre.

 

 

Geheimnisvolle Welt des Ostens, wo Tiger und Prinz und Mystik sich miteinander verbinden. Schöne geheimnisvolle Welt des Ostens, wenn sie so daher kommt wie dies Bilderbuch: Nur ein erzogener Prinz wird ein guter König. Hier heißt das: Nur ein vom Tiger erzogener Prinz …

Prinz Tiger Maul

Chen Jianghong setzt sowohl Bildteile als auch klar abgegrenzte Bilder aneinander, ohne dass eine gegenseitige Rücksichtnahme zu erkennen ist. Das ist gewöhnungsbedürftig für unsere Augen, die ja immer einen Halt suchen und auf ein Weiterlaufen nach dem Umblättern hoffen. Insofern werden wir fast immer enttäuscht, so lange, bis wir das Neue auch erwarten.
Ein riesiger Tiger links, rechts das, was er bewirkte, nämlich Zerstörung, Verstörung, Angst und Flucht der Dorfbewohner. Das machte der Tiger, richtiger: die Tigerin selbstverständlich nicht einfach so, sondern sie klagte um den Mord an ihren Kindern und will ihren Hass und ihre Wut befriedigen: „Wieder greift sie ein Dorf an, dann noch eins. Die Nacht ist erfüllt vom Wehgeschrei der Menschen.“
Der König ist gefordert. Wie es früher Brauch war, werden aber zunächst die Sterne befragt oder die Weisen. Hier ist es eine Alte, die darauf dringt, dass der König seinen Sohn als Unterhändler schickt. In der Tat gelingt bei der Tigerin die Erweckung von Muttergefühlen, und der kleine Prinz weiß seine Erziehung bei der Tigerin einzufordern, mehr noch, er wird später als König seinen Erstgeborenen zur Schulung dem wilden Tier übergeben.

Die Bilder verstören zunächst. Sie sind ungewöhnlich aneinander gesetzt, das Auge muss sich immer wieder neu gewöhnen. Die Tigerin ist so viel größer als der kleine Prinz, dass sie ihn bequem in ihrem Maul transportieren kann. Die Träne wird in Großaufnahme gezeigt. Die schwarzen langen Haare umschmeicheln Kopf und Körper oder wehen in stürmischer Flucht.
Anflüge von Humor kann man in den hinteren Reihen von Massenszenen erkennen, ansonsten wird die Geschichte „Tigerin und Prinz“ konsequent verfolgt, die letztlich auch bildlich gut ausgeht – auch wenn die Tigerin zwar nicht kleiner (der inzwischen ausgewachsene Prinz erreicht die Höhe der Schulterblätter der Tigerin) aber auch nicht jünger wird und ihrer Pflicht nachkommen wird.
Nur der Prinz, der die Erziehung der Tigerin erfuhr, kann ein guter König werden. Das wissen wir seit diesem Buch, das uns vielfältig in fremde Welten mitnahm.

 

Verschiedene Altersstufen werden diese Geschichte sehr unterschiedliche erfahren. Drei- oder vierjährige sicher ganz anders als ein Grundschulkind. Aber für alle gibt es einen Ansatzpunkt – und für Erwachsene mit offenem Blick sowieso.