Madonna Ritchie, Olga Dugina & Andrej Dugin:
Die Abenteuer von Abdi.

Aus dem Amerikanischen von Anu Stohner.
München: Hanser 2005.

ISBN 3-446-20616-7.
36 Seiten.
12,90  €.

Ab 05 Jahre.

 

 

„Alles, was uns im Leben widerfährt, ist nur zu unserem Besten.“ Das ist die Weisheit, die der alte Juwelier Eli dem Waisenknaben Abdi erzählt. Wer daran glaubt, dem kann ernsthaft kein Schaden zugefügt werden.
Ganz vorzüglich illustriert, humorvoll, Detail verliebt, wunderbare Motive.

Halskette und Schlange

Wieder einmal benutzt Madonna eine einfache Weisheit, um darum eine Geschichte zu entwickeln. Und weil diese einige kleine Brüche aufweist, darf wundersamer Zauber geschehen.
Wir sind irgendwo in Arabien. Der Juwelier erhält den Auftrag, für die Königin innerhalb kürzester Zeit eine besondere Halskette anzufertigen. Mit Hilfe von Abdi und sehr wenig Schlaf gelingt das auch, allerdings wird die Kette auf dem Weg zum König geraubt und durch eine Schlange ersetzt. Das merkt Abdi aber erst, als er vor dem Sultan steht. Der wirft ihn samt Schlange ins Verlies. Der alte Eli weiß Rat, denn „Alles, was uns im Leben widerfährt, ist nur zu unserem Besten.“
Die Königin lässt sich die Schlange umlegen und die verwandelt sich in eine Kette, die der gestohlenen in nichts nachsteht.

 Wer solche Illustratoren auf seiner Seite weiß, dem kann nicht bange sein. Man mag gar nicht anfangen zu loben, damit man den Bildern auch wirklich einigermaßen gerecht wird. Versuchen wir es dennoch:
Auf dem Schmutztitel im Hintergrund einige Lastkamele, die derart beladen sind, dass sich auf ihrem Rücken Lasten in der Außenform eines Ballons erheben, viel zu groß, als dass sie der Realität entsprechen könnten, zumal ganz oben ein kleines Beduinenlager eingebunden ist. Um dieser Übertreibung die Schärfe zu nehmen, ist eins der Kamele als Giraffe dargestellt. Und vor dieser in blassen Brauntönen gezeichneten Kulisse erhebt sich ein Flöte spielender Araber mit großem Turban, der selbst den Kopf einer Brillenschlange bildet, sich also quasi selbst „beschwört“ wie ein indischer Gaukler auf einem Basar.
Sogleich karikieren die Illustratoren dieses Bild vor Beginn des Textes, indem sie einen Schlangenbeschwörer zeichnen, dessen Turban aus einer vielfältig in sich selbst verschlungenen Brillenschlange besteht. Ihr Schwanz bildet einen perfekten Kreis, an dessen hinteren Rand im Kreis der Flötenspieler sitzt.

Den weiteren Text begleiten oben und unten – wie es im Islam üblich ist – Muster mit dem Anspruch des Unendlichen, Rapporte also, die aus Deckabbildungen der Mathematik gepaart mit künstlerischen Verfremdungen entstanden – gleich wie es viele Moschee-Ausgestalter machten oder C. M. Escher. Dugina und Dugin arbeiten hier floral und figural. 17 mal 4 wunderbare Rapporte entstehen, die man sich auf Stoffen oder Tapeten wünscht, damit die Gäste sich wundern ob des Reichtums.
Daneben gibt es aber die ganz oder sogar doppelseitigen realistisch gestalteten Bilder, die einerseits Wirklichkeit abbilden, andererseits die Farben der Orte widerspiegeln, dann aber auch ausbrechen, indem auf den kubischen Häusern riesige Kürbisse oder Kalebassen liegen, Menschen bewaffnet sind bis in den Turban oder in den breiten Gürtel. Esel oder geflügelte Panther oder Frösche tragen Opale in ihrem Kopf und Schlangen in ihrem Maul – so als seien sie selbst Teile eines Schmuckwerks, zu dem sogar die Wasserpfeife beiträgt.

Ach, noch vieles ließe sich über die wundersamen Bilder schreiben – es würde ihnen dennoch nicht gerecht werden.
Wenn also mit einem sehr bekannten Namen (Madonna) zwei eher unbekannte und großartige Illustratoren (Dugina und Dugin) bekannt werden, ist gegen dieses Buch absolut nichts zu sagen.

Für Kinder vielleicht von minderem Interesse, für Menschen mit ästhetischem Empfinden ein sehr helles Licht im Bilderbuchhimmel.