Friedrich Schiller & Jacky Gleich:
Der Handschuh.

Berlin: Kindermann 2005. / Reihe: Poesie für Kinder

ISBN 3-934029-22-1.
24 Seiten. / 14,50  €. / ab 06 Jahre.

 

 

Schillers Gedicht hat eine schöne Wendung, sind wir doch von der Minne her gewöhnt, dass sich der Ritter komme-was-wolle der Holden verschreibt. Hier zeigt einer, dass er ritterlich sein kann und dennoch er selbst: Ritter Delorges.

Ein geworfener Handschuh bedeutet Fehde, oder?

Von Beginn an spielt Jacky Gleich mit den Blicken ihrer Personen. Die, die zusammen stehen, schauen sich entweder verschwörerisch gegenseitig an oder sie wenden sich einander zu, verfolgen mit ihren Blicken aber ein anderes Geschehen. Wir befinden uns am Hof von König Franz (im Anhang belegt die Illustratorin ihre Quelle von 1765 mit dem französischen Hof und erklärt, dass ihre Bilder sich an die „Originalzeit des ausgehenden Mittelalters“ anlehnen). Eine Arena ist aufgebaut, ringsherum in hoher Position die sicheren Zuschauer-Plätze, innen die Käfige und der vorgesehene Kampfplatz der Tiere: ein Löwe, ein Tiger, zwei Leoparden. Wir erwarten den Kampf der Tiere, doch Schiller reimt in kurzen Zeilen, dass Fräulein Kunigund ihren Handschuh fallen lässt. Sie spottet dabei in Richtung Ritter Delorges: „Ist eure Lieb so heiß … so hebt mir den Handschuh auf.“
Das ist die Situation, die wir von unzähligen Ritterspielen kennen. Der Sieger erhält das Ritterfräulein, so als sei sie ein Pokal oder ein Siegerkranz. Hier nun entspricht wohl Kunigunde diesem Vorurteil, Delorges scheinbar auch, denn er begibt sich in die Arena, in die Lebensgefahr, für die Angebetete, für sein Ritterfräulein, aber dann …

Jacky Gleich malt Doppelseiten. Den König trifft ihr erster Spott: Lächerlich hohe Hose mit viel zu hohem Kummerbund und einer lachhaft kleinen Krone mit sechs Zacken. Er ist dekadent. Während Schiller den Beginn der Geschichte schildert, malt sie die französischen Stände und nimmt anschließend nicht nur Anleihen bei höfischen Bildern, sondern auch bei Disney, wobei sie ironischer Weise dem Löwen die markanten Gesichtszüge des Tigers Schir Khan gibt. Gleichzeitig achtet sie aber nicht darauf, dass es auch mal acht Zacken auf der Krone gibt, dass die Rippchen so gar nicht unter ein Tier passen wollen. Der Gesamteindruck zählt, und der zeigt den dekadenten Hof, der sich daran ergötzen will, dass sich Tiere gegenseitig zerfleischen. Aber die Tiere sind ebenso schlecht gewählt, wie der Versuch eines Ritterfräuleins, den ihr holden Ritter vorzuführen.

Schiller ist sehr modern, oder?

 

P.S. Den Kalauer über Goethes Faust und Schillers Handschuh kennen wahrscheinlich nur die, die beides nicht kennen. (Wer ist größer, G oder S?...)