Max Bolliger & Kathrin Schärer:
Stummel. Ein Hasenkind wird groß

Gutenachtgeschichten für Kinder und ihre Eltern

Zürich: Atlantis 2018

www.atlantis-verlag.ch

ISBN 978-3-7152-0743-8
144 S * 16,95 € * ab 03 J

 

 

Wir finden uns ganz schnell in dem kleinen Hasen wieder, dessen Lebenslauf der Autor erfindet. Stummel. Kathrin Schärer gibt ihm das passende Aussehen. Unser Bauch nimmt beim Lesen und Schauen eine große Rolle ein – und das gilt für Eltern wie für Kinder.

Ein kurzes Leben in 41 Kapiteln

Die Geschichten sind über 30 Jahre alt, aber da sie von Hasen handeln, sind sie kein bisschen veraltet. Nein, sie handeln selbstverständlich nicht nur von Hasen, denn die Themen sind durchaus sehr menschlich. Gute-Nacht-Erzählungen müssen angemessen kurz sein und dürfen gern Samen werfen. Diese Saat hat als Grundprinzip die Idee der Selbstverantwortlichkeit. Immanuel Kants kurzer und so intensiver Aufsatz zur Aufklärung schimmert immer wieder durch die 41 nur scheinbar einfachen, im Inhalt überschaubaren Geschichten, die sich jeweils auf einen Bereich konzentrieren.
Da tanzen der junge Fuchs und der junge Hase Stummel übermütig und wissen doch, dass der eine den anderen eher auffressen sollte, der andere den einen ganz bestimmt fürchten sollte. Aber: »Sie fingen beide an zu lachen und freuten sich, dass sie noch Kinder waren.« Oder die merkwürdige Freundschaft zwischen Igel und Hase, die durch eine verlorene Wette entsteht und doch die Erwachsenen an den Wettkampf zwischen Hase und Igel denken lassen.
Als Stummel von zu Hause ausziehen muss, ziehen die Freunde Hase und Igel nicht zusammen, denn: »Lass uns lieber die Freuden und Leiden teilen statt die Wohnung.« Dank des Igels geht der Besuch auf dem Bauernhof doch noch gut aus, und lehrreich ist das sehr aktuelle Thema der Fremden im Kapitel mit den fremden, weißen Hasen, die plötzlich im eigenen Lebensbereich auftauchen.

Bollingers Geschichten sind in drei etwa gleichgroße Bereiche unterteilt, die hier »Stummel«, »Stummel im Winter« und »Stummel unterwegs« betitelt sind. Der Untertitel zeigt, dass sie nicht nur für Kinder, sondern auch für ihre Eltern gedacht sind – in dieser Reihenfolge. Sie sind schon mehrfach mit unterschiedlichen Illustrator*innenveröffentlicht worden.
Nun also Kathrin Schärer mit ihren unnachahmlichen Bildern. Sie benutzt vor allem Aquarellstifte, die eine Lebendigkeit der Lebewesen schaffen, dass es eine wahre Freude ist. Zu keinem Zeitpunkt wird ein Hintergrund vermisst, kleine Andeutungen von Schatten oder Pflanzen reichen aus, um Dreidimensionalität zu erzeugen. Falls jemand glauben sollte, das wäre ziemlich einfach, der schaue sich nur das Auge von Mutter Hase und das von Stummel auf dem Cover an. So viele Hüte kann man gar nicht lüpfen, die selbst ein solch einfaches Detail verdient hat. So zeichnen zu können …

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en