David Wiesner:
Hab ihn!

Aus dem Englischen
Hamburg: Aladin 2018

www.aladin-verlag.de

ISBN 978-3-8489-0146-3
32 S * 16,95 € * ab 06 J

 

 

Wie lange ist ein geschlagener Baseball in der Luft? Hier ist er ein ganzes Buch lang unterwegs, mit allen Gedanken und Sorgen des einen Jungen, der ihn fangen soll, will, wird. Hoffentlich.

Werfen, schlagen, fangen, laufen

Im Original heißt das Buch »I got it«. Das sind 3 kurze Wörter aus 1-3-2 Buchstaben von denen man nur 4 kennen muss. Kürzer geht es kaum. Der deutsche Titel versucht es ähnlich, aber so amerikanisch das Thema ist, so ist es auch der Buchtitel: Angenähert. Früher hieß das Vorgängerspiel „Brennball“, wurde aber erst richtig erfolgreich in den USA in der Baseball-Version.
Für uns in Europa ist es nur ein Spiel, bei dem ein geworfener Ball mit einem Schlagstock in ein Feld befördert wird – möglichst so, dass die Fänger im Feld keine Chance zum Fangen erhalten, damit möglichst viel Zeit gewonnen wird, um einen Umkreis mit Haltepunkten (»Freie«) läuferisch zu umrunden (»homerun«). Um einen dieser möglichen Fänger dreht sich die Geschichte. In den USA ist das Spiel mehr als ein Spiel, denn dort scheiden sich die Träume von der Realität, da werden Befürchtungen von Versagen zu einem Riesenproblem und Spiele zu einem Event.

David Wiesner ist US-Amerikaner, Baseball ist ein amerikanisches Spiel – vielleicht vergleichbar mit dem europäischen Fußball. Dort kommt allerdings hinzu, dass das Spiel über Generationen weiter getragen wird. Ein Vater bringt seinem Sohn das Fangen und das Werfen des Baseballs im Park bei (die Tochter darf immerhin mit der Softball = größeren Ballvariante üben). Für Rechtshänder gilt: Werfen mit rechts, fangen mit links. Und dazu gehört der Handschuh, der das korrekte Fangen erst möglich macht, weil sonst der harte Baseball richtige Schmerzen verursacht. David Wiesner zeigt dieses große Lederungetüm bereits auf dem Cover.

Nach all diesen Vorbemerkungen können wir endlich zu der Versagensangst des Fängers kommen, denn davon handelt das Buch, das (fast) ohne Worte daherkommt.

Noch steht er draußen, sogar außerhalb des Zauns, die Hauptperson der Geschichte mit seiner Hose, die kurz unter dem Knie endet. Dann ist er schon nah dran an der Mannschaft, aber immer noch mit deutlichem Abstand. Und dann ist er Teil von ihr am bestimmten Ort auf dem Feld – und ist doch so allein. Denn von da an sind wir Teil seiner Ängste und Gedanken.
Das erfordert einige Bereitschaft unsererseits, denn wir sind weder geübt in amerikanischen Spielen noch in der Art der Darstellung. David Wiesner verlangt uns schon einige Mühen ab, aber beim wiederholten Durchblättern wird uns mehr und mehr klar, dass wir uns im Kopf des Jungen befinden und bei seinen Ängsten, den Ball nicht zu fangen, die immer größer werden, immer neue Hürden zeigen, auch wenn sie absurd werden. Die Leichtigkeit der diesen Bildern begleitenden Vögel nimmt ein bisschen den Druck weg. – Nicht auszudenken, was wäre, wenn der Junge den Ball nicht gefangen hätte! Dass er ihn zurückwerfen muss auf das Mal, wird allerdings gar nicht beleuchtet.

So herausragend das Buch von David Wiesner (wieder) ist, es ist keins für das europäische Publikum. Das Baseball-Spiel ist emotional eben US-Amerikanisch, und für die altersmäßig passende Zielgruppe in Deutschland nicht übertragbar. Ein Urteil im Deutschaufsatz würde vielleicht lauten: Hervorragend in Bild, Aufbau, Entwicklung! Aber leider: Thema (für Deutschland) verfehlt.

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en