Mark Twain, Philip & Erin Stead:
Das Verschwinden des Prinzen Oleomargarine

Aus dem Englischen von Sophie Zeitz
München: Knesebeck 2018

www.knesebeck-verlag.de

ISBN 978-3-95728-157-9
152 S * 25,00 € * ab 06 J

 

 

Eine Art Märchenspiel zwischen zwei Autoren. Der eine hinterließ Skizzen einer Erzählung für seine Töchter, der andere machte eine vielschichtige Geschichte daraus. Die Dritte liefert die vielen lyrischen Bilder dazu.

Herzensgüte, Ehre, Humor, Fantasie

Ja, das ist eine gelungene Adaption und Ausgestaltung! Fast vergessen waren die Notizen, eher Stichwörter, die Mark Twain von einer der vielen von ihm erzählten Geschichten niederschrieb und die er nie als Geschichte ausformulierte. Und merkwürdig: Sie würden wohl noch immer in irgendeinem Archiv liegen, wäre man nicht auf der Suche nach einem möglichen Kochbuch im Zusammenhang Mark Twain auf das Wort „Margarine“ gestoßen. Ein großartiges Buch wäre nicht entstanden.
Philip Stead spielt herausragend mit der Vorlage, lässt immer mal wieder (fiktiv) beide Autoren (nämlich Twain und ihn selbst) zusammenkommen und in höchst vergnüglicher Art miteinander / aneinander vorbei reden. Die Geschichte selbst tritt dabei ein wenig in den Hintergrund. Es spielen mit: Johnny, sein griesgrämiger Großvater, das Huhn mit Namen »Pest und Hungersnot«. Danach eine geheimnisvolle alte Weise auf dem Markt, der Erlass des Königs in Bezug auf die Größe der Untertanen (Wer länger ist als er selbst, ist Staatsfeind. Also machen sich alle durch Beugung und gebücktes Gehen kleiner), Johnnys neue Gabe nach Verzehren der Juju-Blume, die Sprache aller Tiere zu verstehen und selbst zu sprechen. Dabei spielt vor allem das Stinktier Susy (eine von Mark Twains Töchter hieß so) eine sehr positive Rolle.
Und da kommen wir gleich auf eine Reihe von wunderbaren Formulierungen und Aphorismen wie: »Die stille Zuversicht eines Stinktiers«, »... nichts ist langweiliger zu ertragen als eine Reihe von guten Tagen«, »... zum Glück wird der Charakter nicht hässlich geboren; er wird hässlich geformt.« Man könnte fast der Meinung sein, dass diese Geschichte (auch) für erwachsene Leser*innen geschrieben sei, die dann ebenso viel Vergnügen haben wie Kinder ab 6 Jahren.

Das mag dann aber auch noch an den herrlichen Bildern von Erin Stead liegen, denen etwa gleich viel Raum gegeben wird wie dem oftmals relativ kurzen Text. Ihre Bilder sind zart, fast zerbrechlich, durchscheinend. Sie benutzt Tusche und Bleistift, aber auch Holzschnitt und wenige Male einen Lasercutter, um ihre Ideen und kleinen Vignetten in die Geschichte zu bringen. Einige Male erhält sie auch eine Doppelseite – wie sonst könnte man Bär, Affe, Hase, Ren, Giraffe, Alligator, Elefant, Waschbär, Rebhuhn, Johnny, Wiesel, Biber, Geier und noch einige andere auf eine Seite platzieren?

Ein Genre muss man weder suchen noch finden, aber es ist hier schon wichtig festzustellen, dass das Buch ganz viel bedient, ohne sich dabei zu verbiegen oder gar anzubiedern. Wunderbar, wie aus der diffusen Ausgangssituation und diesen vielen Aspekten eine runde Einheit entsteht – auch wenn der ausgefallene Name des Prinzen keine Erklärung findet.

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en