Heinz Janisch & Selda Marlin Soganci:
Schenk mir Flügel ...

Wien: Nilpferd 2018

www.nilpferd.at

ISBN 978-3-7074-5212-9
36 S * 14,95 € * ab 03 J

 

 

 

Einen Engel zeichnen, der sich dagegen wehrt, ein Federkleid als Flügel zu erhalten? Man muss sich schon auf die Fantasie der Geschichte und auf die eigenwilligen und ungewöhnlichen Illustrationen einlassen, um das schöne Buch zu erkennen.

Engelsflügel

Ein Junge (?), Ich-Erzähler, sitzt auf einer kleinen Decke im Garten und zeichnet einen weiblichen Engel. Wir sehen einige Entwürfe auf Zettel, die kaum größer sind als Kartenspiele und dann ein fertiges Objekt, das nicht nur deutlich größer ist, sondern auch noch lebendig wird, ja, sogar mit dem Jungen sprechen kann! Sie fordert ihn auf, ihm ja keine Flügel mit Federn zu zeichnen.
Dabei zeigt die Illustration, wie sich das Bild aus dem Zettel aus einem Blocks löst und eine Schablone hinterlässt. Der Engel sieht so gar nicht aus, wie wir uns vielleicht Engel vorstellen. Dieser hat einen großen Kopf mit gar nicht liebenswerter Gesichtsform, ist trotz des bestimmten Artikels ein deutlich weibliches Wesen mit langem schwarzen Haar, das in zwei Dutts geflochten ist und oben hinten auf ihrem Kopf thront, sodass man diese auf der Schablone auch als Ohren eines Bären interpretieren könnte.
Die Illustrationen sind nicht auf Papier oder Leinwand gezeichnet worden, sondern auf geleimtes Holz, Kiefer vielleicht, mit vielen Aststellen. Im Vor- und Nachsatz sehen wir die gehobelten Latten natürlich, auf den Innenseiten sind sie dann stark übermalt. Man sieht die Struktur mehrmals nur schwach durchschimmern.
Dafür bekommt die Geschichte Fahrt, denn das Kind bemüht sich, keine traditionellen Federflügel zu zeichnen, sondern sehr unterschiedliche Dinge zu nutzen: schimmerndes Glas, Sonnenlicht, Meereswellen. Immer mehr ziehen sich beide in eine gemeinsame Geschichte hinein, dass wir uns nicht wundern, wenn sich die beiden gegen Ende noch auf eine gemeinsame Reise machen, auch wenn sie nur kurz ist.

Je länger wir uns das Gesicht und die Figur des Engels anschauen, desto vertrauter wird sie uns und liebenswerter. Die gar nicht realistischen Bilder der Personen mit den gebogenen Armen, den plumpen Körpern und den Händen, die direkt vom Arm ohne Konturen in die Finger übergehen. Fünf sind es, aber Form, Knöchel und Fingernägel sind schon speziell.
Das Cover bildet mit der Rückseite eine gemeinsame Illustration, die sogar viele der folgenden Einzelseiten vorwegnimmt – oft ein Zeichen für ein gutes Buch, das mit viel Engagement und Sinn für Feinheiten entstanden ist.

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en