Iris Anemon Paul:
Polka für Igor

Mannheim: Kunstanst!fter 2018

www.kunstanstifter.de

ISBN 978-3-942795-70-8
48 S * 24,00 € * ab 03 J

 

 

Er war ein überaus erfolgreicher Zirkushund, doch heute lebt er nur noch in der Erinnerung, wohl aufgenommen in der Familie, die selbst sein Schnarchen erträgt und auch seine Okkupation des roten Sessels. Sehr tolle Siebdrucke machen den Text genauso lebendig.

Erinnerung und Gnadenbrot

 

Iris Anemone Paul fühlt sich hinein in die Gedankenwelt eines Hundes, der ein bewegtes Leben als Zirkushund hinter sich hat. Jetzt hat er sein Gnadenbrot in der Familie, liebt offensichtlich das Schlafen und Schnarchen zu jeder Zeit wie das Hören von alten Schallplatten, die ihm die Erinnerung bringen, die Vergangenheit lebendig werden lassen. Kaum ist die Nadel auf der Schallplatte, wirkt Igor wie angeknipst, auch wenn sich seine alte Welt vor allem in seinem Kopf abspielt. Wir sehen sie auf der nächsten Doppelseite. Der erste Text zeigt Igor von außen: Er schläft eigentlich immer, »träumt über der Sofalehne hängend, [...] pennt [...] im Feuerholzkorb, [...] schnarcht auf dem Küchenboden, [...] schlummert, ratzt und poft. Offensichtlich sind wir Zeugen eines erfüllten Lebens.
Der Kosmos der Familie ist sehr vielschichtig und vielseitig. Es gibt jede Menge sehr unterschiedliche Tiere, wenige Menschen – so, wie es wohl im Zirkus auch gewesen war. Einer Doppelseite mit gestricheltem Hintergrund vor dem Text und einer kleinen Illustration dazu folgt eine prall mit Zeichnungen gefüllt Seite, die wir auf dem ersten Blick überhaupt nicht vollständig wahrnehmen können, für die wir viel mehr Zeit brauchen – gleich oder beim zweiten oder dritten Lesen / Anschauen vielleicht.

Der Siebdruck aller Seiten ist sehr aufwendig, auch wenn er bei den textfreien deutlich mehr Arbeit bedurfte. Nehmen wir die Ausschnitte einer Doppelseite und beginnen rechts: Ein Schallplattenspieler, die Nadel hat etwa zwei Drittel hinter sich. Davor liegen auf den schwarzweißen Dielen ein Kopfhörer mit Kabel und zwei Alben. Eins ist mit »Crazy Horse« übertitelt, der alten Band von Neil Young. Igor liegt wie hingegossen quer auf dem roten Sessel, eine Katze starrt nicht weit von ihm entfernt hinaus aus dem Fenster. Das Mädchen mit den großen Augen, dem schwarzen mittellangen Haar mit dem leicht linksseitigen Scheitel nimmt auf der rechten Seite den größten Platz ein, trägt in der Hand eine Schallplattenhülle für eine Polka. An sie schmiegt sich ein Schwein mit schwarzer Augenklappe. Die anderen Teile beschreibe ich hier nicht, die linke Seite auch nur rudimentär: Tisch, Frau mit Katze im Arm und Fuchs an der kurzen linken Tischseite mit Weinglas, Laptop, Huhn auf der Anrichte, Feuerkorb, zwei kurzschaftige Cowboystiefel, Geiß und Schaf mit je vier Karten in den Vorderpfoten hocken auf dem rotschwarzen Teppich. Wer sich auf die Einzelheiten einlässt, gerät in eine Wimmelbuchseite. Jede zweite Seite ist auf ähnliche Art gestaltet.

Da das Buch zudem einen Schutzumschlag hat, ist klar, dass es nicht nur für Kinder hergestellt wurde. Das Genre zu unterbrechen und sogar die Schwelle zum Erwachsenenbuch zu finden, ist sicherlich nicht unbeabsichtigt. Autoren und Illustratoren jenseits von sogenannten Cash-Books werden immer auch für sich selbst arbeiten, ihre Vorstellungen schreiben und zeichnen. Das sind in der Regel Erwachsene, die aus der Sicht der Erwachsenen denken – so wie es Rezensenten entsprechend machen. Anschließend denkt man darüber nach, ob das ein Buch für Kinder ist, für welche Altersstufe, Selbst- oder Vorleser, Forderer oder Überforderer.

In diesem Rahmen ist das Buch herausragend, zumal es in die Vergangenheit greift, die den jungen Betrachtern nur durch Erzählung und Bilder aufnehmen können. Gut, wenn es gut angenommen wird.

 

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Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en