Gus Gordon:
Irgendwohin
oder Der Tag, an dem George das Fliegen lernte

Aus dem Englischen von Gundula Müller-Wallraf
München: Knesebeck 2018

www.knesebeck-verlag.de

ISBN 978-3-95728-026-8
32 S * 14,00 € * ab 04 J

 

 

 

Alle wissen offensichtlich, wie es geht. Vogel George nicht. Er weiß nicht, wie es geht, aber er weiß das gut zu verbergen. Jedenfalls für eine lange Zeit.

Alle können es, nur ich nicht

 

Nicht jeder will reisen, fortkommen von woher auch immer, unterwegs sein, Zwischenhalte einlegen, ankommen – wenigstens vorläufig. Manche wollen auch gern daheim bleiben, allein bleiben, oder da sein, wenn die anderen kommen oder Zwischenhalt einlegen auf dem Weg nach Irgendwohin. Was weiß ich denn, ich war noch nie weg.
So oder ähnlich mag George Laurent denken. Das wäre nicht weiter verwunderlich, aber George ist ein Vogel, und – so wird es wenigstens im Buch behauptet – alle Vögel machen sich immer mal wieder auf den Weg. Nach Norden, nach Süden, mit dem Bus, nach Italien, auf die Berge, in die Großstadt. Alle machen das. Alle, nur nicht George. George backt lieber oder bügelt den Haufen Wäsche oder muss zum Yoga. Als es Winter wird und alle anderen Vögel fort sind, wird es still, und George gesteht dem Bären Pascal, dass er nicht fliegen könne, es nie gelernt habe.

So ist es wohl oft im Leben. Hinter einer Haltung steckt oft ein ganz anderes Motiv, oft etwas Einfaches, das wir nur deshalb nicht sahen, weil wir immer nach Kompliziertem Ausschau halten. Und wie einfach wird alles, wenn das Problem erst einmal benannt und ausgesprochen ist. »Wenn ich nur wüsste, wie es geht«, sagt George zu Pascal über das Fliegen. Der weiß einen Rat, und alles wird gut.

George sieht im Bild nicht etwa aus wie ein Zugvogel, eher wie eine weiße Gans mit gelbem Schnabel, die Schirmmütze auf seinem Kopf könnte auch ein Landmann in Groß-Britannien tragen, ist ihm allerdings deutlich zu groß. Ziemlich lächerlich ist der Topflappenhandschuh, der über einen kleinen Stummelflügel gezogen wurde. Die Illustrationen bewegen sich zwischen Kollage und Zeichnung, oft sind zuvor ausgeschnittene Schnipsel eingefügt: ein Barhocker, ein Foto einer isolierten Schwalbe, ein sich selbst reinigender Backofen (Schrift ist also auch eingefügt – in englischer wie in französischer Sprache), das schwarzweiße Foto eines Bügeleisens auf einem gezeichneten Bügelbrett und so weiter.
Fast jede Seite besteht aus vielen kleinen Illustrationsinseln, die die Unruhe in unserem Vogel George gut widerspiegeln. Er lebt ja schon eine ganze Weile mit seiner Ambivalenz, dass ein Zugvogel ziehen muss, aber was soll er machen, wenn er gar nicht fliegen = ziehen kann?

Was »lernt« uns das? Für wen kann dieses Buch ein wichtiges werden? Erst im wiederholten Vorlesen wird wirklich klar werden, dass nicht nur der eine Vogel, sondern wohl auch viele Kinder anders sind und dass sie ihre eigenen Fähigkeiten nicht erkennen. Deutlich wird die Erkenntnis, dass es gut ist, die eigenen Bedenken einfach über Bord zu werfen. Über eine neue Situation kann man sich später vielleicht immer noch Gedanken machen. Oder man vertraut – wie im Buch – auf einen zufälligen äußeren Einfluss.

 

Kinder, die dies Buch „lesen“, sollten schon eine Reihe von ähnlichen Situationen oder von Enttäuschungen erlebt haben, um die Situation um George einordnen, für sich selbst einordnen zu können. Das ist nicht ganz einfach.

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en