Dirk Steinhöfel:
Nicht um die Ecke

Aus dem Englischen von
Frankfurt: Fischer Sauerländer 2018

www.fischerverlage.de

ISBN 978-3-7373-5531-5
48 S * 14,99 € * ab 03 J

 

 

Emma entdeckt die Welt, nun ja, wenigstens einen kleinen Teil davon. Sie fährt mit ihrem Dreirad um die Ecke. Das hat Mama verboten. Wenig Inhalt, aber aufregend und sehr beeindruckend bebildert.

Eine andere Welt

Emma ist genauso anders, wie Dirk Steinhöfel ihre Welt »zeichnet«. Die Anführungszeichen deuten an, dass die Bilder auch „anders sind“. Doch eins nach dem andern. Zuerst Emma. Ihrer Mutter ist ihr Handy wohl so wichtig, dass sie nur lediglich eine Anweisung gibt: Fahr nicht um die Ecke. Warum? fragt Emma. Weil ich dich dann nicht mehr sehen kann. Sehen kann Emma offensichtlich auch nicht gut. Ihre Welt ist so, wie sie Dirk Steinhöfel darstellt: Unscharf. Da hilft ihre starke runde Brille mit den großen Gläsern und dem schwarzen Rahmen nur bedingt. Der gelbe Helm für das Fahren auf einem roten Dreirad ohne Pedale scheint auch übertrieben.
Emma sind neben dem Daumen nur drei Finger mitgegeben, und sie scheint alles andere als glücklich zu sein. Ihre Umgebung besteht aus Wänden mit unscharfen Ziegelsteinen. Es gibt keinen Spielplatz, kein Kinderlachen, keine Schaukel, keinen Himmel. Die Bilder bleiben auf Höhe von Emmas Schultern, und wir nehmen Emma ebenso unscharf wahr wie wohl sie selbst ihre Umgebung.
Kurz nachdem das kleine Mädchen in dem blauen Kleid mit den regelmäßigen weißen Punkten um die Ecke fuhr, öffnet sich eine merkwürdige neue Welt, die Emma genauso wenig versteht wie wir. Auf dem Fußboden scheinen Tiere zu liegen, das Fell ist erahnbar. An den Wänden der Mauer fliegen Schatten von Vögeln, laufen Schatten von Pferden. Die Luft ist erfüllt von gelben Herbstblättern, die den Bürgersteig füllen, Lichtblitzkugeln passen zum Staunen des kleinen Mädchens, dem wir allzu leicht einen Entwicklungsschaden andichten wollen.

Am Ende sind wir sehr verstört und blättern erst einmal zurück.

Das Querformat zeigt die länglichen Bilder, die offensichtlich am Computer entstanden sind von einem Illustrator, der das nicht zum ersten Mal macht. Virtuos – ist das passende Adverb

 

Der Text hält sich sehr zurück, man muss ihn fast in den Bildern suchen. Aber überflüssig ist er nicht. Wir erfahren Weniges von der Ich-Erzählerin und ihrem Innenleben, aber wir sehen, dass sie ihre neue Freiheit im Rahmen des neuen Schutzes ihrer Mutter sehr zu würdigen weiß. Und wir sehen, wie sie schon weiter denkt, hinein in ein Labyrinth aus Mauern, Wegen, Farbflecken.

 

Dirk Steinhöfel gelingt es hervorragend, uns in die Welt eines »anderen« Menschen, eines kleinen Mädchens hineinzuziehen, in das er selbst sich offensichtlich ebenso hineindachte. Ein sehr beeindruckendes Buch.

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en