Thomas Baas:
Der Rattenfänger von Hameln

Text von Marine Tasso
aus dem Französischen von Odile Kennel
Berlin: Kleine Gestalten 2016

www.kleine.gestalten.com

ISBN 978-3-89955-766-4
44 S * 14,90 € * ab 03 J

 

 

 

 

Eine Kleinstadt im späten Mittelalter gerät durch eine Rattenplage aus den Fugen. Erst das Flötenspiel eines Fremden befreit sie davon. Aber anstatt seine versprochene Belohnung zu erhalten, wird der Retter aus der Stadt gejagt. Doch er kommt wieder.

Undank und Hochmut

Diese Geschichte endet nicht tragisch. Bereits zu Beginn erzählt Marine Tasso, dass die Kinder in Hameln den Eltern eher lästig sind und sie an den Festen und der Völlerei behindern. Als der Fremde nämlich wiederkommt in die Stadt, verzaubert er die Kinder ebenso wie zuvor die Ratten mit einer traumhaften Flötenmelodie und führt sie aus der Stadt hinaus. So, wie die Mundwinkel der Kinder fröhlich nach oben weisen, so hört man später dann und wann »in der Ferne glückliche Kinder lachen«. Von den Erwachsenen sieht man beim Auszug die eine oder andere heimlich Träne, ausgestreckte Arme oder eine herrische Geste, die besagt: ‚Komm sofort zurück! Hierher!‘ Wahrscheinlich redet er auch so mit seinem Hund. Doch die Eltern selbst bleiben an Ort und Stelle, als wären sie am Fußboden festgeklebt.
Viele Kinder haben rote Haare oder ein solches Käppi, ältere sind dabei und auch kleine, die gerade gut laufen können. Wenn man das Buchcover aufschlägt, so erkennt man sehr schön die Komplementärkontraste von roter und grüner Fläche und die Schar der Kinder, die dem schwarz gekleideten Rattenfänger mit seiner Flöte, die einen großen roten Tontropfen in den Himmel entlässt, folgen. Die letzten Kinder winken – rückschauend – noch anderen Kindern, sich schnell anzuschließen auf ihrem Weg in die Berge.
Die Bilder der Erwachsenen lehnen sich an die ‚Neuen Sachlichkeit‘ von George Grosz (1893 bis 1959) und Otto Dix (1891 bis 1969) an. Dabei wird die Großstadt des frühen 20. Jahrhunderts in die Provinzstadt des späten 13. Jahrhunderts (1283) transportiert und Anlehnungen an die Völlerei des Schlaraffenlands geschaffen.
Die Bilder mit den Ratten sind besonders eindrucksvoll, zum Beispiel die Szene, in der sich eine schwarze Rattenfläche zu einem Kreis auflöst, sie sich auf das Giftpaket zu bewegen. Einige Tiere verzehren bereits genüsslich die Kügelchen– ohne Wirkung selbstverständlich, denn sonst bräuchte man ja später nicht den Rattenfänger. Danach geben die Bürger und ihr Meister auf, dem Problem selbst Herr werden zu wollen.

Vorherrschende Farben der ganzseitigen Bilder, die durch weitere auf den Textseiten ergänzt werden, sind Schwarz, dunkles Rot und unterschiedliche Grüntöne. Rot wie Blut, Grün für Leben, Schwarz für Tod. Auch der Rattenfänger kommt ganz in Schwarz, fließender Umhang, sehr großkrempiger Hut, der kaum mehr als die rote spitze Nase freilässt. Eigentlich ziemlich gruselig, wäre da nicht sein stolzierender Schritt, als ahme er einen Reiher nach. Und seine bunten tropfenförmigen Töne, die er der schmalen Flöte entlockt und die sich schwungvoll in die Luft erheben, haben etwas Lustiges, Befreiendes.

Zu einzelnen Bildern ließe sich (für die erwachsenen Vorleser) noch Einiges sagen, aber die werden selbst darauf kommen und mit ihren Kindern / Enkelkindern gern auch über die Bildgestaltung sprechen – und wenn es ‚Ich sehe was, was du nicht siehst‘ ist.

 

 

 

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en