Rafik Schami & Peter Knorr:
Der Wunderkasten

Gräfelfing: Edition Bracklo 2016

www.edition-bracklo.de

ISBN 978-3-9817443-2-3
52 S * 29,80 € * ab 04 J

 

 

 

 

Ein tragbares Theater, ein Erzähler, vier Kinder können die Bilder anschauen und dem Klang der Worte lauschen. Doch die Zeit geht vorüber, die Bilder verblassen, die Neufassungen werden eher tragisch als dramatisch. Eine tolle Geschichte mit einer gar nicht pädagogischen Moral und wunderbaren Bildern, die unser Träumen stark beeinflussen können.

Liebe in den alten Zeiten

Vorwort, Rahmenhandlung, Geschichte, veränderte Geschichte, Illustrationen, die dem Text nicht nur ein Bild geben, sondern auch ein Gefühl, Zitate für Erwachsene bereithält. Wir reden von einer Geschichte, die der Autor erzählt und oft mit einem ähnlichen Hinweis versieht wie: »Wie ihr hier seht ...«. Er berichtet von dem alten Mann, der im Vorderen Orient lebt und von Ort zu Ort geht, das große Theater aus Holz auf seinem Rücken und die Bank auf den Schultern, auf der nur vier Kinder Platz finden. Diese Vier sind die Begünstigten, die durch die Fenster ins Innere des Theaters schauen können. Dort ist die Geschichte auf einer Papierrolle aufgezeichnet, die der Alte erzählt und zugleich von einer Spindel auf die andere dreht.
Auch, wenn es immer irgendwie die gleiche Geschichte ist, die er erzählt, wenn der alte Mann seine Ankunft mit singender Stimme anmeldet, strömen möglichst schnell die Kinder herbei. Mama, hast du einen Piaster für mich? Oder ein Glas Wasser für den alten Mann? Schnell sein, möglichst einer der ersten Vier. Und später: Warten, bis er wieder einmal erscheint.

Aber der alte Mann bleibt kein alter Mann und die Zeichenrolle im Holztheater wird nicht besser, auch wenn die Bilder nicht der direkten Sonne ausgesetzt sind. Stück um Stück werden die Bilder ausgebessert, mit Werbebildern oder Fotos von Schauspielern aus Illustrierten überklebt. Entsprechend ändert sich die Geschichte, erst in Einzelheiten, dann immer ‚moderner‘ – aber gar nicht stimmiger. Eine eher tragische Entwicklung findet statt, die die gesamte Geschichte fast negativ enden ließe, wäre da nicht dieser sehr geschickte Schluss von Rafik Schami.

Peter Knorr greift die Farben des Orients und des nördlichen Afrikas in seinen Bildern auf, zitiert mehr als einmal in der Farbigkeit und der Formgebung vor allem Paul Klee. Seine Muster sind die der Wandbemalungen von Moscheen, der freundliche alte Mann trägt lediglich Schuhe aus lederner Sohle mit wenigen Halteriemen, Hosen mit weiter Stofffülle und tiefem Schritt, ein Kopftuch gegen die sengende Sonne. Sami, der Hirte, und Leila, die Tochter des reichen Bauern, werden als ausgesprochen schön und liebreizend beschrieben, Peter Knorr zeichnet sie jedoch für unsere Augen eher ein wenig einfältig und gar nicht unseren Schönheitsidealen entsprechend. Das trifft eher auf die zuschauenden Kinder zu, von denen Rafik Schami so erzählt, als wäre er selbst einer der Beteiligten. Sicherlich ist der Name Sami nicht zufällig dem Nachnamen des Autors recht ähnlich.

 

Einerseits wird das Verschwinden der ‚Alten Zeit‘ beklagt, in der die Vergnügungen der Kinder sich sehr beschränkten, dafür aber umso intensiver erlebt wurden. Zugleich wird die Sehnsucht danach entfacht und die Entfremdung durch die Werbung sehr einfach und dadurch sehr eindringlich dargestellt.

 

Der Verlag hat das Buch mit einem Leineneinband versehen und den vielen Bildern großen Raum gegeben. Obwohl der Text bereits aus dem Jahr 1990 stammt, bilden er und die Illustrationen eine Einheit, als wären sie zeitgleich und mit wechselweiser Beeinflussung entstanden.

Gerade in dieser Zeit ist es wichtig, sich an die blumenreiche Sprache einer friedfertigen Kultur zu erinnern und ihre Einflüsse gern anzunehmen.

 

 

 

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en